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Fahrbericht zur Moto Morini Corsaro 1200

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn



Moto Morini ist zurück. Die Corsaro ebenfalls. Was das heißen soll? Nun, ich fange vielleicht so an, dass es alle verstehen. Schließlich gibt es genügend motorradfahrende Zeitgenossen, denen die italienische Marke Moto Morini nichts sagt. Dazu kurz ein paar Informationen:

Moto Morini stellte seit Ende des 2. Weltkrieges bis 1991 mehr oder weniger erfolgreich Motorräder her. Das bekannteste Modell war die Moto Morini 3 ½, die 1971 vorgestellt wurde mit einem vom Konstrukteur Franco Lambertini entwickelten 72° V2 ohv-Triebwerk mit zahnriemengetriebener zentraler Nockenwelle. Man sieht die orangeschwarzen 3 ½ noch immer fahren und bullern. Auch ich traf während meiner Testfahrten mit der Corsaro 1200 im späten Oktober noch einen Treiber dieser faszinierenden Oldtimer.

Die Rechte am Markennamen wurden 1999 an Motori Franco Morini in Bologna verkauft. Am 2.12.2004 präsentierte Franco Morini auf der Motor Show Bologna zwei neue Modelle, die Corsaro 1200 und die 9 ½. Beide werden im neu errichteten Werk in Caselecchio di Reno produziert. Soviel zur Marke Moto Morini.

Ja, und die Corsaro gehört zur Firmengeschichte von Moto Morini - seit 1958. Mit 125 ccm wurde sie in verschiedenen Varianten bis in die siebziger Jahre hinein gebaut und weiterentwickelt.



Jetzt steht sie vor mir. Die Moto Morini Corsaro 1200. Ein Motorrad mit faszinierender Optik. Reduziert auf das Notwendige. Sie scheint auf den ersten Blick lediglich aus zwei Rädern, einem italienischen Tank, einem mächtigen V2-Hammer und zwei auffälligen Soundbringern im unscheinbaren Heck zu bestehen. Das Ganze verbunden durch einen auffällig zur Schau gestellten Gitterrohrrahmen. Sie versprüht bereits im Stand kraftvolle Ästhetik. Ich finde nichts Überflüssiges an diesem Motorrad. Nichts, was man zum Fahren nicht braucht. Kein Chrom, keine teuren Plastikanbauten, kein elektronischer Schnickschnack, obwohl ich, wie sich später rausstellt, bei den kühlen Oktobertemperaturen als bekennender Warmduscher des Öfteren einen Satz Heizgriffe vermisse. Sonst vermisse ich an der Morini nichts. Wirklich nichts.


Wie bei der 3 ½ entwickelte wieder Konstrukteur Franco Lambertini den Wasser-Öl-gekühlten DOHC-V-Zweizylinder mit einem Zylinderwinkel von 87°. Als extremer Kurzhuber ausgelegt hat er 1187 ccm Hubraum. Das verspricht Durchzug und Sound. Selten habe ich mich auf ein Testmotorrad so gefreut wie auf diese Corsaro 1200. Bereits die ersten Fotos wirkten auf mich polarisierend. Erinnerungen an die genialen Spaßfahrten mit der Benelli TNT 1130, KTM Superduke oder Aprilia Tuono R wurden wach. Jedes dieser Bikes strotzte nur so vor leidenschaftlicher Individualität und einem Spaßfaktor auf höchstem Niveau. Ich hatte das Gefühl, dass die Corsaro das noch alles toppen könnte.

Ich weiß nicht, wie oft ich um die Corsaro rumgelaufen bin, bis ich den mit farbigem Logo versehenen Zündschlüssel seiner Bestimmung zuführe - typisch italienisch am vorderen Ende des Tanks. Das Morini-Logo, das sich überall am Motorrad wiederfindet: gedruckt, geklebt und überlackiert oder gestanzt bzw. gegossen an unterschiedlichsten Teilen.
Nochmal laufe ich herum. Der Rohrrahmen nimmt an drei Haltepunkten den Motor auf, der wiederum als tragendes Element konstruiert ebenfalls die Schwingenaufnahme integriert. Die 50er USD-Gabel steckt in einer hohl gegossenen Brücke mit 80 mm Breite mit 3-facher Klemmung. Die voluminöse Alu-Gussschwinge nimmt das 5,5-Zoll-Rad auf. Darauf montiert ein 180er Hinterreifen.

Das alles verspricht Agilität und Stabilität. Schau mer mal. Ich drehe den Zündschlüssel rum. Mit Lichtorgel rechts und Mäusekinoanimation links neben dem Drehzahlmesser zeigt die Corsaro Arbeitsbereitschaft an. Erwartungsvoll drücke ich den Startknopf. Enttäuschend mühsam überwindet der Anlasser die Gegenkräfte des V2 und lässt ihn schließlich nach anstrengender Arbeit mit donnerndem Bullern starten. Der Motor erwartet jetzt im kalten Zustand, etwas für sich sein zu dürfen, um auf Temperatur zu kommen. Störe ich ihn beim Warmlaufen, nimmt er nur widerwillig das Gas an und spotzt aus den dicken Endrohren Qualmwolken. Ich lasse ihn und ziehe mir den Helm und die Handschuhe über. Mein Gepäck bringe ich mangels Verzurrmöglichkeiten im Rucksack unter. Mein zur Abholung mitgebrachter Tankrucksack verbleibt bei meiner Honda. Der Kunststofftank der Corsaro macht meinen Magnettankrucksack wertlos. Im Zubehör finden sich jedoch beim Morini-Händler passende Möglichkeiten, auch auf der Corsaro 1200 die wichtigsten Dinge mitnehmen zu können.

Nach ca. 30 Sekunden nimmt der potente V2 das Gas willig an. Ich ziehe die Kupplung, fahre los und spüre beim Schalten am pulsierenden Kupplungshebel die Anti-Hopping-Kupplung. Sicher ein relevanter Beitrag zur Fahrsicherheit, bedenkt man die massive Bremswirkung des V2, wenn man einfach nur das Gas wegnimmt.



Ich lenke die Corsaro raus auf die Landstraße. Das anhaltende Bullern animiert mich, ab und zu bei gezogener Kupplung an der Rolle zu drehen und das beginnende Donnern des Motors zu genießen. Akustische Leckerbissen, die vom dumpfen Ansauggeräusch aus der Airbox zusätzlich genährt sind.

Nach ein paar Kilometern ziehe ich meine Bahn über Hessental nach Ellwangen. Bekannte kleine Sträßlein, wunderbare Landschaft, herbstlich goldener Sonnenschein bei mittlerweile milden 18 °. Welch ein Geschenk, noch zum Schluss der Saison bei superbem Bikerwetter mit dieser Fahrmaschine Motorradfahren pur zu erleben. Unter mir hämmern die beiden Kolben unerlässlich, jedoch scheinbar ständig unterfordert, obwohl ich dem komfortablen, aber sehr stabilen Fahrwerk auf diesen Flickwerkstraßen bereits sehr viel abfordere. Nicht, dass ich touristisch dahingleite. Nein, ich bin richtig am Feilen. Und ich denke, dass die Nachfolgenden sicher den einen oder anderen schwarzen Strich in den Kurven gefunden haben - Gummi, den die Pirelli Diablo unter Schwerstarbeit auf dem Asphalt lassen mussten. Dabei muss ich kaum schalten. Schließlich habe ich Hubraum satt unter mir. Zwei Mal knapp 600 ccm zeigen in der Moto Morini äußerst eindrucksvoll, wie 123 NM Drehmoment drücken können, wie Spurtfreude und Elastizität sich in spektakulärem Vorschub ausdrücken können. Ich bin begeistert. Wer mich kennt, weiß, dass mir diese Art von Motorrädern genau so passt wie ein handgefertigter Maßschuh vom Schuhmacher. Da fühle ich mich zu Hause. Ich kann mich austoben. Das Gerät macht alles mit und zeigt, dass noch viel mehr geht, denn bisher bin ich über die Grenze von 5500 U/min noch nicht hinausgekommen. Zu arg der Schub für diese kleinen Sträßlein mit dem z.T. bitumengeschwärzten Fahrbahnbelag. Ein paar Hinterradrutscher ließen es mich handzahm angehen. Aber ich giere nach meinen mir bekannten Strecken mit gutem Belag. Einige der Leser konnten sie kennen lernen auf der Wheeliestour Ende September. Sie wissen, warum ich danach giere. Erst morgen werde ich die Morini darüber jagen. Heute ist heimfahren angesagt.

Nach ca. 140 km stehe ich plötzlich zwischen Nördlingen und Dillingen am Straßenrand. Der V Due steht still. Ich schaue auf die Reserveleuchte, die jedoch nichts anzeigt. Ich bin ratlos. Ein Blick in den 17-Liter-Tank gibt Aufschluss über die Ursache: Sprit alle - nach 140 km. Ich bin platt, vor allem, weil ich die Corsaro noch gar nicht richtig angegast habe. Na ja, etwas plätschert noch. Ich stelle die Maschine schräg, sodass der verbliebene Brennstoff in die Tankmulde mit dem Spritschlauch läuft. Prompt springt die Corsaro wieder an. Ich fahre weiter und giere nun nach einer Tankstelle. 20 km bis Nördlingen, 20 km bis Dillingen. Ich steuere Oberringingen an. Da gibt es … nein, da gab es bis vor kurzem eine Tankstelle. Mist! Ich fahre nur noch im 6. Gang mit max. 80 km/h gen Dillingen. Plötzlich meldet sich die Tank-Reserveleuchte zum Dienst. Sehr spät, wie ich finde, denn 5 km weiter stehe ich bei Lutzingen komplett trocken in der schnell hereinbrechenden Dämmerung am Straßenrand. Die mit dem Handy herbeigerufene Gitte "rettet" mich mit 5 Litern Sprit. Sofort tanke ich daheim voll.



Nächster Tag. Die Morini ist voll getankt. Es geht auf die Piste. Endlich. Wieder die Kaltstart-
prozedur. Sie springt zäh an, braucht ihre Aufwärmsekunden und geht dann sofort zur Sache. Ich fliege los. Traumhaft, dieser Sound, der ständig auf mich einhämmert, und der sich linear zur Gasstellung zu steigern scheint. Sie beginnt ab 6000 U/min donnernd zu brüllen und hört damit erst am Begrenzer kurz über 9000 U/min auf. Das ist das fürs Ohr.
Synchron habe ich alle Hände voll zu tun, mich stets vollkommen aufmerksam und konzentriert zu halten, denn die Morini verlangt mit ihren Beschleunigungsattacken danach. Sie schiebt ab 3000 U/min derart an, dass mir anfangs die Spucke wegbleibt. Die hinterradlastige Gewichtsverteilung von 47 : 53 lässt das Vorderrad ebenso linear zur Gasstellung steigen. Ich muss nicht am Lenker ziehen oder mit der Kupplung arbeiten. Einfach Gas auf und das Vorderrad steigt kontrolliert gen Himmel. Geil! Allerdings tut es das auch beim harten Angasen im 3. oder 4. Gang, wenn ich die Corsaro in den Bereich der vollen Motorleistung von 140 PS reinlasse. Wenn es nach ihr ginge, würde sie sich ständig darin aufhalten, so scheint sie nach Drehzahlen zu lechzen. Sie will laufen, rennen, brüllen, stampfen. Ich muss sie im Zaum halten. Lasse ich sie raus, kann sie auch bei 200 km/h im 4. Gang noch das Vorderrad lupfen.



Das scheint die Gangart zu sein, für die sie bestimmt ist. Raus, rennen, immer vollen Schub, aber auch vollen Durst. Nach exakt 100 km steuere ich in Treuchtlingen die Tankstelle an und fülle das Plastikfass voll mit 13,2 Litern Super.
***Wichtiger Hinweis***
Kurz vor Drucklegung erhalte ich die Information vom Importeur März, dass an den Testmaschinen die Lambdasonden defekt waren. Dies würde den hohen Benzinverbrauch erklären. Laut seiner und auch einiger Händlerangaben würde die Corsaro 1200 maximal 8 Liter auf 100 km verbrauchen.

Wieder raus auf die Piste. Rein ins Kurvengewirr. Schnell ist der Tankstopp vergessen. Schnell bin ich wieder im Arbeitstempo unterwegs. Unbarmherzig schiebt die Corsaro an und brüllt nach mehr Freiheit. Ich habe sie jedoch in der Hand und lasse nur soviel zu, dass es uns beiden gut geht und wir gemeinsam gesund wieder heim kommen. Ich bin begeistert vom Fahrwerk, das ich ein wenig straffer stelle, da die Werkseinstellung stark komfortbetont und somit sehr weich wirkt. So kommt das Heck öfter in Pumpbewegung. Ich stelle das mit ein paar Klicks an Zug- und Druckstufe ab. Die Gabel benötigt keine Anpassung und führt das Vorderrad stoisch an meiner vorgegebenen Linie entlang. Ohne Mühe ziehe ich meine Bahnen. Die Corsaro 1200 begeistert mich dabei mit überragender Lenkpräzision und bleibt bis in atemberaubende Schräglagen selbst auf deutlich welligem Belag stabil. Genial!



Daheim angekommen laufe ich wieder um die Morini herum. Ich erinnere mich an Kurven, wo ich sie ohne Probleme mit kräftigem Zug am Gas in tiefe Schräglagen warf und sie einfach ums Eck herumfuhr. Kein Wackeln, kein Pendeln, keine unnützen Bewegungen im Rahmen. Sie blieb einfach stabil und ließ sich leichtfüßig bewegen wie eine Enduro. Das hatte schon fast etwas von Supermoto, wie ich sie auch durch Rechts-Links-Kombinationen werfen konnte. Durch den breiten Lenker und die nach vorne orientierte Sitzposition mit engem Knieschluss am Tank auf breitem Sitzpolster hatte ich dieses Motorrad genial im Griff. Die Bremsen vermittelten ein Gefühl von Sicherheit, auch wenn der Druckpunkt bei heißer Fahrweise schon mal etwas wanderte. Fading konnte ich keines feststellen.



Schön, wie sich dieses Gesamtkunstwerk in Szene setzen kann. Ich verfolge den Verlauf der Krümmer, die sich nach einigen kühnen Biegungen im Katalysator vereinigen und dann schließlich in den dominanten Dämpfern enden. Der Kühler wirkt optisch angenehm klein, scheint jedoch schon im Stadtverkehr überfordert zu sein. Ein Ampelstopp, und die Ventilatoren laufen im Dauerbetrieb. Die gut ablesbaren Instrumente kenne ich von der Benelli. Der große Drehzahlmesser mit linksseitig angeordnetem Display, das einen mit einer Vielzahl von Informationen überrascht. Nachts leuchtet alles in bläulichem Weiß. Schön anzuschauen, wie ich finde. Das Licht macht die Nacht nicht gerade zum Tag, leuchtet jedoch flächig und hell die Fahrbahn aus.

  

Ich bin wieder unterwegs. Heute lasse ich es langsamer angehen. Ich schalte früh und freue mich über die Laufkultur des V2. Seine Vibrationen bleiben angenehm, untermahlen sie doch das stets vorhandene Donnergrollen. Wieder ein Motorrad, dass alle Sinne betört. Ich höre, ich spüre und ich sehe die unbändige Kraft, die die Corsaro 1200 ausstrahlt.
Im sechsten Gang erlebe ich mich gelassen und souverän. Ich wedele und genieße - immer das Grollen und Donnern im Ohr. Unter 3000 U/min schalte ich bisweilen 1 - 2 Mal herunter, da der V2 dann wieder runder läuft. Die Lastwechsel bleiben trotz der Schubbereitschaft im angenehmen und gut dosierbaren Bereich. Erst ab 6000 U/min ist richtig Vorsicht angesagt. Da kann ein Millimeter mehr Gas schon einen gewaltigen Sprung nach vorne bedeuten - direkt und gnadenlos.



Fazit:
Moto Morini is back. Mit der Moto Morini Corsaro 1200. Eindeutig und mit weit wahrnehmbaren Donnerschlägen. Genial und unvernünftig bis in die Lenkerenden. Die Corsaro ist wie ein One-Night-Stand. Emotional ansprechend und prickelnd. Sie ist gut und beherbergt Suchtpotenzial durch den starken V2 und archaischem Fahrgenuss. Ohne Schnick, ohne Schnack. Sie ist das Fahrer-Über-Ich neutralisierende "Es" auf zwei Rädern. Emotion pur. Und dieses sicher für mehr als nur einen scharfen Ritt …