Eminenz ohne Kompromiss ...
Fahrbericht KTM 990 Superduke

Stand: Juli 2005

(zum Bericht vom aktuellen Nachfolgemodell 2007 hier klicken ...)

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn

"KTM goes Asphalt", könnte die neue Devise im österreichischen Mattighofen lauten. Die Schmiede kompromissloser Offroad- und Wettbewerbsbikes mit der Lizenz zum Siegen strecken nun im V2-Segment ihre Fühler aus in Richtung geschlossener Teerdecke. Genauso kompromisslos mit dem Hang zu Großem.
Schon die Duke II war bei ihrem Erscheinen schnell von spaßsüchtigen Asphalkratzern ins Herz geschlossen worden. Ich überzeugte mich vor vier Jahren bei einem Test von den genialen Qualitäten dieses Spaßgerätes. Nun kommt die große Schwester. Bärenstark, mit kantigem Äußeren und klarem Einsatzzweck: die Asphaltbänder auf diesem Globus in maximaler Schräglage zu erkunden und der Konkurrenz das kurze Seatpipeheck zu zeigen.

Dem Image entsprechend erhielt die Superduke einige Nettigkeiten, die in ihrer Gesamtheit zwanglosen Spaß vermitteln können. Das Design der Maschine mit ihrem kurzen Radstand schafft schnell zwei Lager unter den Betrachtern. Auffällig, dass die Superduke aus der Chopper- oder Komforttourerecke meist Ablehnung erntet. Keine Möglichkeit, einen Koffer oder Topcase zu installieren. Zu puristisch. Nix für die große Reise. So lauten die Statements.
Knieschleifer oder fahraktive Hausstreckenwetzer hingegen bekommen leuchtende Augen. Sofort fallen die massiven Fahrwerk- und Bremselemente ins Auge. Sofort tauchen Fragen nach der Kurvenstabilität und der Beschleunigung auf. Zwei Lager eben.

Tatsache ist, dass die Superduke ein Hingucker ist. Selbst brave Familienväter machen an der Tankstelle einen Extraschwung auf dem Weg zur Kasse um die Maschine. Sie strahlt ihren besonderen Status schon in ihrer bloßen Erscheinung aus.

Anders, wenn ich auf den Startknopf drücke und sich ein Dur-Klangteppich der tiefen bollernden Töne breit macht. Kernig knallt scheinbar jede einzelne Verbrennung sauber gestylt ins Ohr. Nutzlose Gasstöße im Stand werden zur genussvollen Nebenbeschäftigung an roten Ampeln.

Der potente 75°-V2 entstammt aus der Offroadschwester, der 950er Adventure. Das erfolgreiche Aggregat erhielt neue Kolben, Zylinder, Zylinderköpfe mit größeren Ventilen. Eine größere Kurbelwelle und neue Nockenwellen rundeten die Modifizierungen ab mit einem sehenswerten Ergebnis: 990 ccm mit 120 PS und einem maximalen Drehmoment von 100 NM sind die Messwerte. Die Motorsteuerung übernimmt eine elektrische Keihin Einspritzanlage mit zwei Drosselklappen je Zylinder. Beide Krümmer sind mit je einer Lambdasonde bestückt zur Information der 32-Bit-Zentraleinheit.
Die Jungs in Mattighofen haben ihre Hausaufgaben auf diesem Gebiet perfekt erledigt. Setzen. Eins. Die Kurven des Leistungsprüfstandes erscheinen ohne Delle, wie mit dem Lineal gezogen. Keine Leistungseinbrüche, sondern gleichmäßige Leistungssteigerung. Vollkommen linear. Und das zeigt sich im Fahrbetrieb par excellence.

Selten, dass ich eine Maschine bisher fuhr, die derart sauber und direkt am Gas hing. Da läuft nicht die kleinste Bewegung an der Gasrolle ins Leere. Alles setzt die Superduke sofort in rasanten Vorschub um. Unter 2500 U/min jedoch geht nicht viel. Da ist ruckeln und bocken angesagt. Ab 2500 U/min zeigt die Superduke, dass Vorschub bis zum Begrenzer ihr Lebensmotto ist, wobei sie ab 5000 U/min so richtig zu schieben beginnt. Diese explosive Leistungsentfaltung begründet sich u.a. auch in den geringen Schwungmassen des 56kg leichten Motors.

Es ist schade, dass ich den Soundteppich in diesen Bericht nicht einbauen kann, denn der gehört zur Superduke wie die Blähung zur Bohne. Das Erlebnis des Beschleunigens gestaltet die Superduke 990 vollkommen eigen. Zum fulminanten Vorschub gesellen sich dieser bollernde und stärker werdende Donnerton aus den Seatpipes mit mechanischen V2-Vibrationen, die ab ca. 6000 U/min den Twin über alle Sinne spürbar werden lassen. In dieser Ansammlung starker positiver Wahrnehmungen steckt absolutes Suchtpotenzial. Ich sehe schon Aufschriften auf den Tanks zukünftiger Superdukes: "Die Familienministerin warnt: Das Beschleunigen von Superdukes macht süchtig und kann zu dauerhaft vernachlässigten Partnern und Familien führen."

Meine Suchtanzeichen verschwinden schnell, als ich nach einem kurzen Ritt über meine Hausstrecke nach 85 zügigen Kilometern die Reserveleuchte im kleinen, aber rundum informativen Cockpit aufleuchten sehe. Der gerade mal 15 Liter fassende Kunststofftank wurde vom Twin förmlich ausgesaugt. An der Tankstelle kommt dann die Ernüchterung. 9,75 Liter vom kostbaren Super muss ich der Pistole entlocken, um das Fass wieder bis an den Rand zu füllen. Das ergibt einen Verbrauch von 11,47 Litern auf 100 km. Eine Maschine der Superlative - die Superduke eben. Bei gemächlicheren Ausfahrten komme ich immer noch auf Verbräuche zwischen 9 - 10 Litern. Das ernüchtert in der heutigen Zeit jeden Süchtigen. Nur nicht lang anhaltend.

Ich sitze wieder auf dem Bock. Der Anlasser entlockt diesen antörnenden Donnerton aus den Seatpipes, deren Anbringung den Sound für den Fahrer und die folgenden Verkehrsteilnehmer zu verstärken scheint. Jedenfalls kann ich das Geboller auch bei Tacho 200 noch präzise vernehmen. Und ein Bekannter, der mich bei einer Tour begleitete, meinte, dass das Donnergrollen beim Hinterherfahren das Motorengeräusch seiner BMW übertönte.

Auf der Landstraße lässt es die Superduke spielerisch angehen. Sie fühlt sich nicht sonderlich anders an als die einfache Duke II. Leicht im Handling und unbeirrbar in der Stabilität leistet das Fahrwerk mit seinen White-Power-Elementen ganze Arbeit. Und wenn es im Moment nicht genau passt, kann sowohl an der 48-mm-USD-Gabel als auch am Federbein alles sauber eingestellt werden.
Auch hier gibt sich die Superduke kompromisslos. Ich finde keinen Straßenbelag, keine Strecke, keine Kurve, wo ich die Superduke in Schwierigkeiten bringen kann. Selbst ein Abkommen von der Ideallinie im Grenzbereich nimmt sie gelassen hin und reagiert ohne Schlenker oder irgendeinem Wackeln. Fighterherz, was willst du mehr. Supersportler, nehmt euch in acht. BMW GS und Co, eure Vormachtstellung ist in Gefahr seit es Motorräder eines Schlages wie die Kawa Z 1000, die Benelli TNT 1130, die Speed Triple oder nun die Superduke gibt. Und diese Konzepte gehen auf, wenn man sich die Verkaufszahlen betrachtet. Das sind Motorräder, die immer mehr gefragt sind. Da reiht sich die Superduke mit einem vorderen Platz in diesem Segment ein. Gerade ihre Kompromisslosigkeit macht sie so einzigartig.

  Auf der Strecke genieße ich die Leichtigkeit, mit der ich die KTM bewege. Sie wirkt im ersten Moment sogar ein wenig nervös, wenn man von einem anderen Motorrad auf sie umsteigt. Die Nervosität wandelt sich schnell in Klarheit beim Lenkimpulsgeben. Ohne Verzögerung nimmt sie jeden Impuls auf und setzt ihn in Richtungskorrekturen um. Selbst in Grenzsituationen kann ich sie jederzeit voll kontrollieren. Ich habe das Gefühl, dass sie mich nicht mit unliebsamen Reaktionen überrascht. Dabei wahrt sie für den Fahrer noch ein geringes Maß an Sitzkomfort, sodass auch Ausritte über 300 km nicht zur Tortur werden wie auf der kleinen Schwester mit ihrer schmalen Crosssitzbank.

So ziehe ich meine Bahnen und manch schwarzen Strich auf meinen geliebten kleinen Sträßchen in einem Gefühl von Spaß und einem breiten Grinsen im Helm. Trotz allem Spaß vermittelt mir die Superduke ein absolut sicheres Gefühl, das nicht zuletzt von den HighTec-Brembostoppern in Verbindung mit Magura-Radialbremspumpen und Stahlflexleitungen herrührt. Selten hatte ich bisher ein Motorrad mit derart sauber zu dosierenden und bei Bedarf derart kräftig zupackenden Bremsen wie diese Superduke. Ich frage mich, warum beispielsweise ein Hersteller wie BMW nicht von seinem Konzept mit dem elektronischen Bremskraftverstärker abgeht und seinen edlen Motorrädern statt dessen hochwertige Bremskomponenten wie die der Superduke anbaut. Hier habe ich absolutes Feingefühl und kann jede beliebige Dosierung einsetzen ohne dass ich mir in Schräglage die Linie verziehe. Und wenn es sein muss, wirkt eine Bremsung mit der KTM Superduke wie wenn ich in den Teerbelag eine Nut fräse. Auch der hintere Stopper steht den vorderen in diesen Eigenschaften um nichts nach. Bravo, kann ich da nur sagen. Diese Hausaufgaben ebenfalls mit Bravour erledigt. Setzen. Eins.

Über die Soziustauglichkeit muss ich hier nichts schreiben, denn die Superduke hat zwar einen Notsitz, doch taugt der nicht für weitere Ausfahrten. Welcher Streetfighter wird schon eine Sozia mitnehmen außer von der Eisdiele mit nach Hause?

Fazit:
Die KTM 990 Superduke reiht sich nahtlos ein in die imageträchtige Modellpalette der Mattighofer Motorradbauer. Sie wirkt im hart umkämpften Markt mit perfektem Motormanagement, ausreichender Leistung und edlen Ausstattungselementen wie ein Juwel. Ein nicht alltägliches Motorrad für den nicht alltäglichen Spaß mit Anwartschaft auf viele neue Freunde aus der Sparte der Tankstellenpächter …