Fahrbericht KTM 690 Duke ABS

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Tom Rueß



Sie wirkt klein, schmal, eher wie ein Krad, das gleich von einem 16-jährigen Gymnasiasten bestiegen wird. Ich stehe in Ursensollen bei KTM Deutschland vor der KTM 690 Duke ABS. Vor 2 Jahren hatte ich die Duke R im Test. Nun bringt KTM eine abgespeckte Variante auf den Markt, abgespeckt, was die Ausstattung an Fahrwerk und Bremsen betrifft. Die aktuelle Duke steht auf einer nicht einstellbaren USD-Gabel und einem in der Federvorspannung einstellbaren Federbein. Gebremst wird mit einem radial verbauten 4-Kolbenfestsattel.
Das Design wurde der aktuellen KTM-Linie angepasst, die Zyklopenaugen in die Vergangenheit verbannt.

Die nächste Überraschung überkommt mich beim Anlassen des 690er Singles: in Erwartung eines peppigen KTM-Sounds entlässt der seitliche Topf ein flaches Gesäusel, das mich an meine alte BMW F-650 Funduro aus den 1990er Jahren erinnert. Nu bin ich leicht enttäuscht, hatte ich mich doch schon lange auf die Duke 690 gefreut.

Egal, ich sitz auf und steuer meine kleinen kurvigen Landsträßchen für den Heimweg an. Gleich fühle ich mich wieder besänftigt, geht der Single jetzt wie erwartet direkt und kraftvoll ans Werk. Vorausgesetzt, der Zeiger des im Cockpit dominierenden Drehzahlmessers zeigt mehr als 3500 Umin an. Dann geht bis zum roten Bereich bei 8000 Umin die Post ab. Linear hängt die Duke an den per Ride-by-wire angesteuerten Drosselklappen und sorgt mit ihrer Drehzahlgeilheit für enthusiastische Freude unter dem Helm. Um das Dauergrinsen beizubehalten, bedarf es eines sehr aktiven Schaltfußes. Dieser lässt die Duke immer im Leistungsbereich agieren, hält die Drehzahl zwischen 3500 – 7500 Umin.

70 muntere Pferdestärken suchen den ultimativen Auslauf. Und wer sich für eine Duke entscheidet, weiß, dass er es nicht mit einem weichgespülten Eintopf zu tun bekommt. Da ist sportliches Vorwärtskommen angesagt. Da kann das Vorderrad auch öfter als gewollt den Bodenkontakt beim Angasen verlieren. Schließlich haben die 70 Pferde gerade mal mit 14 Litern vollgetankt 163 kg Leergewicht zu wuchten.

Und das Fahrwerk? Das wurde doch abgespeckt. Wie verhält es sich im Vergleich zur alten Duke R?
KTM hat der KTM 690 Duke ABS ein wunderbares Allroundfahrwerk verbaut. Die nicht einstellbare 43er WP-USD-Gabel verrichtet Ihren Dienst verlässlich. Das Vorderrad wird immer sauber geführt.
Das in der Federspannung verstellbare Federbein wirkt vor allem auf welligem Belag im Sinne einer Straße 3. Gattung leicht knochig überdämpft. Auf der Großzahl aller Straßen überrascht die KTM mit durchaus komfortablen Eigenschaften, die ihrer Stabilität nicht entgegenstehen.

Schließlich baut KTM Motorräder mit sportlichen Seelen. So auch diese 690er Duke. Wenn auch das sogenannte Dahingleiten auf der Duke kompromisslos funktioniert, der Motor dank Ausgleichswelle relativ vibrationsarm arbeitet, steckt in der Duke auch der Kämpfer, der immer rausgelassen werden möchte.

Und dann ist Schicht mit gemütlich, dann geht es zur Sache. Dann heißt es, den Griff am Lenker zu festigen, die Aufmerksamkeit nach vorne zu richten, den inneren Aktivitätslevel zu erhöhen und in den Zustand des „Böse-Blick-Grinsens“ zu wechseln. So klein die Duke auftritt, so heftig versprüht sie reinen Spaß. Auch mit diesem „einfachen“ Fahrwerk scheint sie bis zur letzten Rille auf der vorgegebenen Linie zu kleben. Das Einlenken bedarf der Feinarbeit, treibe ich sie anfangs durch zu stark gesetzte Lenkimpulse scheinbar direkt innenseitig aus der Kurve. Nach kurzer Eingewöhnung beginnt das echte Räubern. Ich brauche mich scheinbar nicht mehr an physikalische Ideallinien zu halten. Die Duke haftet überall und schiebt beeindruckend aus den Kurven heraus.

Dabei unterstützen kleine Helferlein effektiv das Geschehen. Eine Anti-Hopping-Kupplung bewahrt vor Schlenkern bei zu krassem Herunterschalten, das ABS schützt vor Verbremsern oder einem stehenden Hinterrad. Die Ganganzeige informiert darüber, in welchem Gang sich die Hatz gerade abspielt. Und mit 3 Mappingstufen kann ich die Heftigkeit der Kraftentfaltung des Motors vorwählen. Ich ließ nach dem Probieren die Stufe für den satten Vorschub eingestellt.

Und die Bremsen?
Die Vorderbremse wirkt zuerst stumpf. Überraschend viel Handkraft benötige ich für sportliche Verzögerungen. Allerdings nimmt die Bremsleistung ab einem Punkt vehement zu. So muss ich mich daran gewöhnen, auf der Jagd im landsträßlichen Zickzack gleich mehr als sonst zuzulangen, um meine Bremspunkte gewohnt spät zu setzen. Das funktioniert nach einiger Zeit des Ausprobierens. Und das Grinsen ist auch wieder da.
Die hintere Bremse fristet ein Schatten-Dasein, wird von mir mehr für langsame Wendemanöver verwendet als im Straßenbetrieb. Dort reagiert das ABS aufgrund der vorderradlastigen Gewichtsverteilung sehr früh und lässt den Bremshebel spürbar pulsieren.

Was fällt sonst auf?
Die Duke baut schräglagenfreundlich sehr schmal. Der Rahmen und die Alugussschwinge wiegen gerade mal 13 kg und verleihen der Duke trotzdem eine hammermäßige Stabilität. Das Werkzeug ist umfangreich, der Schalthebel klappbar. Der Luftfilter ist wechselfreundlich im Heck verbaut. Und zu allem Überfluss benötigt die KTM 690 Duke ABS nur alle 10000 km einen Wartungsaufenthalt.

Fazit:
Die KTM 690 Duke ABS ist eine Bereicherung der sportlichen Eintopfklasse. Für weniger Geld bekommt man mehr an Motorrad mit einem deutlichen Plus an Alltagstauglichkeit. Wenn da mal nicht mehr Mittelklassebiker zu Landstraßenräubern mutieren ...

Technische Daten:
MOTOR
Bauart     1-Zylinder 4-Takt Otto-Motor, flüssigkeitsgekühlt
Hubraum     690 cm³
Bohrung     102 mm
Hub     84,5 mm
Leistung     50 kW (68 PS)
Starthilfe     E-Starter, automatischer Dekompressor
Getriebe     6-Gang klauengeschaltet
Motorschmierung     Semi-Trockensumpfschmierung mit 2 Rotorpumpen
Primärübersetzung     36:79
Sekundärübersetzung     16:40
Kühlung     Flüssigkeitskühlung, permanente Umwälzung der Kühlflüssigkeit durch Wasserpumpe
Kupplung     APTC™ Antihopping‑Kupplung im Ölbad / hydraulisch betätigt
Zündanlage     kontaktlos gesteuerte vollelektronische Zündanlage mit digitaler Zündverstellung

FAHRWERK

Rahmen     Gitterrohrrahmen aus Chrom-Molybdän-Stahlrohren, pulverbeschichtet
Gabel     WP Suspension Up Side Down
Federbein     WP Suspension mit Pro‑Lever Umlenkung
Federweg vorne     135 mm
Federweg hinten     135 mm
Bremsanlage vorne     Scheibenbremse mit radial verschraubter Vierkolben-Bremszange, Bremsscheibe schwimmend gelagert
Bremsanlage hinten     Scheibenbremse mit Einkolben-Bremszange, schwimmend gelagert
Bremsscheiben - Durchmesser vorne     320 mm
Bremsscheiben - Durchmesser hinten     240 mm
Kette     5/8 x 1/4” (520) X‑Ring
Steuerkopfwinkel     63,5°
Radstand     1.466±15 mm
Bodenfreiheit unbelastet     192 mm
Sitzhöhe unbelastet     835 mm
Kraftstofftankinhalt gesamt ca.     14 l
Superkraftstoff bleifrei (ROZ 95)
Gewicht ohne Kraftstoff ca.     149,5 kg