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Funbike - neu definiert
Fahrbericht zur neuen Kawasaki Z 750
(Stand: 05/2004)

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn

Bis Anfang des vorletzten Jahres hatte man bei Kawasaki das Gefühl, dass die Mannen der Entwicklungsabteilung nicht so recht in die Puschen kommen. Nicht, dass Kawasaki keine interessanten Motorräder im Markt hatte. Doch die Konkurenz hatte immer die Nase mit Neuentwicklungen ein Stückchen weiter vorn. 2003 warf Kawasaki dann die Reinkarnation der Z 1000 (wir berichteten) auf den Markt und landete damit einen absoluten Topseller. Schnell war die in Deutschland georderte Palette verkauft. Die Tests der Presse konnten nur positives berichten. Ich denke immer noch mit dem kleinen fiesen Grinsen an die zwei Testwochen mit diesem Landstraßenräuber zurück.

Jetzt in 2004 landet Kawa die nächsten Testsieger am Ufer der wartenden Bikergemeinde. Die ZX 10 R und die Z 750, die sich im Feld zwischen den 600er Fazers und 900er Hornets & Co behaupten möchte.

Und es ist der erste Test für mich dieses Jahr. Die Testmaschine, eine knallrote Z 750, wurde mir dankenswerterweise von der Fa. Haman in Donauwörth zur Verfügung gestellt, wo neben der Z 750 u.a. auch die ZX 10 R für Besichtigung und Probefahrten bereitstehen. Vorbeischauen lohnt in jedem Fall.

Ein sonniger Tag. Erste Frühlingsgefühle machen sich bemerkbar. Auf der Fahrt zu Haman kommen mir die ersten Biker entgegen, die sich die endlich trockenen Straßen bei angenehmen Temperaturen nicht entgehen lassen wollen. Das Thermometer überschreitet in diesen Tagen knapp die 20°-Grenze. Traumtage für erste ambitionierte Ausritte. Und die Z verspricht den nötigen Spaß. Als ich in den Hof der Fa. Haman in der Berger Allee 11 einfahre, leuchtet mich das knallige Rot der Z förmlich an. Sie steht vor der Werkstatt unspektakulär in der Sonne und wirkt wie ihre größere Schwester etwas zierlich. Ich sehe, dass die Frontverkleidung etwas geändert wurde und erhoffe mir dadurch etwas mehr Druckfreiheit bei höheren Geschwindigkeiten, denn bei der Z 1000 hat die Verkleidung mehr optische als praktische Wirkung.

Der augenfälligste Unterschied liegt offensichtlich in der modifizierten Auspuffanlage. Statt 4in4 verpasste man der
Z 750 rechts eine 4in1 mit ovalem Endtopf - alles aus Edelstahl. Die Hubraumreduzierung auf 748 ccm erreichte man durch eine Reduzierung der Bohrung des 1000er Aggregats. Die Ventilgrößen wurden angepasst, der Saugrohre der Einspritzanlage wurden im Durchmesser auf 34 mm reduziert. Doppelte Drosselklappen verhindern massive Lastwechselreaktionen.
Der wassergekühlte Z 750-Motor ist auf gleichem technischen Stand wie der Z 1000er und leistet bei gleichem Hub laut Hersteller 110 PS bei 11.000 Umin und einem Drehmoment von 75 Nm bei 8200 Umin. Das hört sich ja schon vielversprechend an. Setzt man das in Verhältnis zu 195 kg Leergewicht, kann man davon ausgehen, dass Landstraßen zu Spaßstraßen werden können.

Nun aber los. Schlüssel rumdrehen und starten. Wooow, es ist ein wahrer Ohrenschmaus, mit dem sich die "kleine" Z zur Stelle meldet. Dumpf, tiefbassig und voluminös entlässt sie ihre Abgase aus der Edelstahltüte. Und die Symphonie lässt sich breitbandig steigern. Das Leerlauf-Brummeln entwickelt sich mit steigender Drehzahl über sonores 1200ccm-Röhren bis hin zu echtem Kawagebrüll. Mathematiker würden eine Proportionalitätsgleichung erstellen: der Wohlklang entwickelt sich direkt proportional zur Drehzahl. Das ist schön zu wissen, denn so kann ich mir meinen Sound individuell und situationsabhängig basteln. Und das alles vollkommen legal. Und ich frage mich nach einigen Drehzahlorgien, wie der Kawa für diesen Sound eine ABE erteilt werden konnte.

Ich begebe mich wie gehabt in meine Testregion und genieße den Ausritt. Erstes Grün ist auf den Feldern zu erkennen. Es riecht schon etwas nach einer erwachenden Natur. Traktoren wühlen sich durch zähen Lehm und versprühen aus angehängten Riesentanks übelriechende Flüssigkeiten. Mit der kleinen Z komme ich so richtig ins Genießen. Sie rollt unauffällig vor sich hin, erzeugt motorseitige Wohlklänge und gibt mir das Gefühl, dass ich sie schon nach 20 Minuten in und auswendig kenne. Die Sitzposition passt wunderbar. Der Tank ermöglich engen Knieschluss. Der Lenker sitzt genau da, wo meine Arme beim Aufsitzen hinfallen. Die einstellbaren Hebeleien ergänzen das Ergonomiepaket. Nur die Rückspiegel lassen etwas wenig Sicht nach hinten zu.
Die Instrumente informieren in gleicher Weise über alle notwendigen Details wie bei der großen Schwester in passender roten Beleuchtung.

Das erste Überholmanöver kündigt sich an. Ich schalte, da es sich schließlich um einen 750er handelt, zwei Mal runter und gebe Gas. Die Z drückt mit mächtig Gebrüll nach vorne und schiebt uns rasend schnell an einer kleinen Kolonne von Pkws und Lkws vorbei. Wieder eine Überholsituation. Ich probier es aus ca. 80 km/h im sechsten Gang. Und wieder schiebt die Kawa los und steigert ihren Druck mit wachsender Drehzahl. Das überrascht mich, denn es ist und bleibt eine 750er, die jedoch schon aus dem Drehzahlkeller ähnlich viel Druck bereitstellen kann wie eine 900er Hornet.

Auf meinen Haussträßchen lasse ich die Z schließlich mal richtig laufen. Ab 2000 Umin kann sie schon mit einem satten Vorschub aufwarten. Ab 6000 Umin erfährt die Beschleuni-gungskurve eine Steigung, die ihre Neigung bei ca. 8500 Umin nochmals erhöht und die Z bis an den Begrenzer rennen lässt. Im Fahrbetrieb äußert sich das Überschreiten der 8000er Marke mit einem wilden Spurt bis an die 11000 Umin. Nicht, dass nur dieser Drehzahlbereich Spaß bereitet. Es ist der Bereich, der mir am meisten Konzentration abfordert, da der Anzug hier schon wirklich fulminant ist und gerade in satten Schräglagen eine feine Gasdosierung erfordert, um das Hinterrad nicht wegschmieren zu lassen.

Aber ich muss die Z nicht ständig drehen, um mit ihr einen flotten Strich zu ziehen. Sie wartet mit einer wunderbar homogenen Leistungsentfaltung ohne Leistungsloch ab Standgasdrehzahl auf. Im sechsten Gang sind somit fast alles Fahrsituationen machbar. Flottes Vorankommen ist garantiert.

Die Stimmigkeit des Gesamtkonzeptes "Funbike" wird durch ein ggü. Z 1000 vereinfachtem Fahrwerk ergänzt. Die 41mm Telegabel wirkt heutzutage in dieser Klasse zwar etwas mickrig, doch ist sie i.V. mit dem Federbein über jedemZweifel erhaben. Eine meiner Meinung nach perfekte Werksabstimmung erübrigt nachträgliche Einstellarbeiten. So verhält sich die Z bei kleinen Unebenheiten und Flickbelag neutral und schluckfreudig ohne instabil zu wirken. Bei flottem Ritt gönnt sie sich keine Schwäche, wirkt zielgenau mit sehr gutem Geradeauslauf. Der 180er Hinterreifen lässt die kleine Z ggü. der 1000er agiler und wendiger erscheinen. Kleine Kurvenkombinationen sind auch bei höherer Geschwindigkeit mit Leichtigkeit zu nehmen und führen bei mir schon fast zu einer Verkrampfung der Gesichtsmuskeln aufgrund des nicht mehr nachlassenden Grinsens in meinem Helm.
Vollkommen ausreichend dimensionierte Bremsen mit 300er Scheiben und Doppelkolbenzangen runden das Bild vollkommen ab.

Fazit:
Die Z 1000 als Topseller hat eine kostengünstigere Gesellschaft bekommen. Mit mindestens gleichem Spaßfaktor kann die handlichere
Z 750 auf der Landstraße der 19 PS stärkeren Schwester gut das Wasser reichen, denn sie kompensiert das Weniger an Leistung mit einem Mehr an Handlichkeit und besserem Windschutz. Weniger kann eben auch mehr sein, was Kawasaki mit diesem Naked eindrucksvoll unter Beweis stellt für einen erstklassig kalkulierten Preis von 7195 .- Euro zzgl. Nk.

Die Z 750 ist ein Vollblutbike mit primusverdächtigen Allroundeigenschaften für Fahrer mit dem Hang, sich ohne Rücksicht auf Fahrbahnbelag und Kurvenradien einen kräftigen Schluck aus der Spaßkanne zu gönnen und zudem auch mal eine richtig flotte Linie zu ziehen.