Nackt, stark und schnell ...
Fahrbericht mit der Honda X-eleven

Stand: 24.09.2001

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, M. Bauer

Seit Herbst letzten Jahres ließ Honda für Nacktfahrer einen neuen Stern namens X 11 am Bikerhimmel erleuchten. Die Zutaten waren partiell schon vorhanden. Vor allem der aus der Doppel-X bewährte und durchaus kraftvolle Vierzylinder wurde für optimierten Drehmomentverlauf in der Spitzenleistung auf 140 PS reduziert. Power pur ab 2500 U/min ist garantiert. Bis zur maximalen Drehzahl kurz vor der 10000er Marke kein Schwächeln. Aufgrund des bulligen Drehmoments genügen der ix eleven locker 5 Gänge. Im 5. fragte ich mich anfangs, ob da nicht noch einer fehlt, da mir der Anzug wirklich auch von der regulären Stadtgeschwindigkeit (ich meine 50 km/h!) bis in Bereiche jenseits der 200 mehr als genügte.

Mehr als genügend empfand ich auch die Vmax-Möglichkeiten der Einfach-X. Als Fahrer hat man sich nicht nur mit reißendem Anzug auseinanderzusetzen. Der spätestens ab 160 km/h dazu kommende immense Sturm von vorne trägt sein übriges dazu bei, dass Beschleunigungsaktionen aus dem 3. Gang heraus in orkanbetoste 200er Geschwindigkeiten als Trainingsersatz fürs Fitnessstudio anerkannt werden könnten. Windschutz bot die Instrumentenverkleidung für meine 182 cm Körpergröße im Brustbereich. Drüber und seitlich zog es mächtig. Ich fragte mich, ob Naked-Bike-Anhänger genau das suchen, denn Spaß machte es mit der X 11 bis ca. 160. Bis dahin ist alles gut erträglich. Was drüber geht, dient der Lustbefriedigung, dem Ausprobieren und dem Einfangen eines steifen Genicks.

Entsprechende Gashanddisziplin vorausgesetzt, läßt es sich auch ganz entspannt mit der X 11 fahren. Weit nach vorne gebeugt nimmt man auf der bequem anmutenden Sitzbank Platz. Die Polsterung passt vorne wie hinten. Vorne fehlt bei den Gashandattacken jedoch der Widerhalt für den Po des Fahrers. Mit Synthetikhosen rutsch man irgendwann unweigerlich nach hinten, was meine Beschleunigungsfreude etwas (aber wirklich nur etwas!) einschränkte.

Große Freude machte mir das Fahrwerk. Den X-Konstrukteuren gelang die Synthese aus Stabilität, Sportlichkeit und (für diese Gewichtsklasse) leichtem Handling. Der Brückenrahmen, der kurze Radstand, der knappe Nachlauf und nicht zuletzt das Fahrwerk selbst ließen bei mir keinen Zweifel aufkommen, dass die Maschine klar und zielsicher alle Straßenarten und Fahrsituationen meistert. Die Fahrwerksdämpfung lässt sich vorne wie hinten leider nicht einstellen.

Ich fühlte mich sicher, nicht zuletzt auch wegen der, wenn auch für mich gewöhnungsbedürftigen, Dual-CBS-Bremsanlage. Ich hatte anfangs das Gefühl, ich müsse das Fußpedal sehr kräftig treten, um ausreichende Bremsleistung zu bekommen. Der rechte Druck kommt aber nach einigen Bremsmanövern. Dazu auch das Umdenken, dass der rechte Fuß auch (vor allem) die vorderen Stopper bedient. Bremsleistung bot die Anlage immer genügend. Nur die Dosierbarkeit und das Ertasten des Druckpunktes ließen meiner Meinung nach zu wünschen übrig. Aber vielleicht ist es wirklich nur eine Sache der Umgewöhnung.

Schaltfaulen Fahrern kann dieses technisch hochentwickelte Motorrad genauso empfohlen werden wie Leistungspuristen oder Landstraßenräubern. Letztere müssen sich halt zuerst mit 254 kg vollgetanktem Leergewicht auseinandersetzen, die mit einem etwas zu schmalem Lenker dennoch handlich und flott um die Ecken gebracht werden können.
Banditen und Maxen, nehmt euch in acht, wenn ihr im Rückspiegel das helle Leuchten des neu entwickelten Scheinwerfers und drunter die breiten Lufthutzen des Kühlers sichtet. Spätestens jetzt wisst ihr, dass die Power-X von hinten naht. Bullig in der Silhouette zeigt sie die Muskeln, die ihr Bezwinger braucht, wenn er das Angebot der 113 NM auskosten mag.

Das Gefühl für das Geschehen hinter der X 11 geht dem Fahrer fast völlig abhanden. In den Spiegeln der Honda sind meist nur die eigenen Schultern zu sehen. Man könnte meinen, die Hondaentwickler hätten hier gespart mit dem Hintergedanken, dass das rückwärtige Geschehen für den Einzel-X-Fahrer sowieso nicht von Bedeutung sein kann, da er mit dieser Fahrmaschine dem restlichen Fahrvolk das nicht minder bullig wirkende Heck zeigen wird.

Jedoch Leistung ist nicht alles. Sicher gibt es noch wesentlich handlichere Maschinen auf dem Markt, die mit weniger Gewicht und guter Fahrwerksabstimmung bei der Kurvenhatz das Leistungsmanko wieder wett machen können.

Dennoch:
die X 11 empfinde ich als eine gelungene Neuerscheinung in der etwas konservativen Naked-Bike-Sparte.