Fahrtest mit der Honda Pan European ST 1300 ABS
Stand: August 2002

Text: Ralf Kistner
Bilder: Ralf Kistner


Kilometer fressen ohne sich dabei abzuarbeiten ist auf einem Motorrad nicht immer möglich. Speziell für die Tourenfreaks waren bis Anfang der 90er Jahre BMW marktführend, da die bayerischen Motorradbauer den Spagat zwischen Handlichkeit und Komfort schafften. 1990 stellte Honda die erste Pan vor. Ein vollverkleidetes Tourenbike mit einem vierzylindrigen V-Motor und allem dran, was das Tourerherz begehrte. Und sie schlug in ihrem Marktsegment voll ein. BMW hatte eine wirklich ernstzunehmende Konkurenz bekommen. Die Pan war komfortabel und durchzugsstark bei guter Handlichkeit trotz hohem Leergewicht.

Anfang 2002 stand nun die neue Pan bei den Händlern für die Kundschaft bereit. Ich bekam eine Testmaschine dankenswerterweise von der Fa. bike4all GmbH aus Weißenburg in der Treuchtlinger Straße zu Testzwecken zur Verfügung gestellt.

Zuerst studiere ich kurz den Prospekt, da ich mich mit der Pan noch nicht so befasst habe. Zwar ist mir von Pan-Eignern schon viel lobenswertes berichtet worden, doch möchte ich diese durch und durch positiven Eigenschaften dieses schon riesig anmutenden Reisedampfers selbst erfahren.

Im Prospekt lese ich über die Hubraumerhöhung und den Leistungszuwachs auf nun immerhin 126 PS bei einem Drehmoment von 125 Nm bei 6000 Umin. Das klingt gewaltig, doch muss man diese Leistungsdaten auch mit einem Leergewicht von 326 kg in Beziehung bringen.

Die Anzahl der Bedienelemente wirkt wie in einer gut ausgestatteten Luxuslimusine. Eine Reichhaltigkeit, die wahrscheinlich nur noch von der aktuellen Gold Wing oder K 1200 LT zu übertreffen ist. Die Armaturen sind riesig und mehr als komplett. Der mittige Tacho und der links daneben platzierte Drehzahlmesser sind auf einen Blick sehr gut ablesbar. Rechts neben dem Tacho erhält man per Digital- und Balkenanzeigen Informationen u.a. über den Tankinhalt, die verbleibende möglich Fahrstrecke mit aktuellem Füllstand, Uhrzeit, Temperatur, Tageskilometer, usw. usw. Da bleibt nichts aus. Die Leuchtweite kann per Handrad bequem beim Fahren verstellt werden.

Positiv finde ich den nun serienmäßigen geregelten Katalysator. Ebenso praktisch die 35 Liter Koffer und die in der Verkleidung untergebrachten Seitenablagen für Klein-Krims-Krams.
Bekannt ist das Dual-CBS-Bremssystem schon von anderen Modellen wie der CBR 1100 XX. Ich denke, darüber ist genug geschrieben worden. Neu allerdings ist das ABS in der Pan.

Die ersten Meter auf der Pan verbringe ich mit diversen Einstellungen.Das Mäusekino will schließlich ausprobiert sein. Ich fühle mich über das aktuelle Innenleben gut informiert und besinne mich nun auf das Fahren. Ich biege auf die B 2 Richtung Treuchtlingen ein, beschleunige die Pan und bin überrascht, wie der V-4 schon in niederen Drehzahlregionen anpackt und nach vorne drückt. Alles läuft samtig und ohne besondere Sensationen. Schnell bin ich im fünften Gang und spüre, wie die Pan gut am Gas hängt. Ich ziehe etwas das Gas auf, lasse die in der niedrigen Position schon sehr gut windabweisende Scheibe in die Mitte hochfahren. Das reicht, um sich schon perfekt geschützt zu fühlen. Und hier beginnt der Bereich, der es erfordert, den Tacho immer im Blick zu halten. Ohne Winddruck bewegt man die Pan intuitiv sehr schnell in führerscheingefährdenden Geschwindigkeitsregionen. Schnell sind 160 auf dem Tacho, ohne dass davon viel spürbar ist. Also schnell wieder Gas wegnehmen und um die 100 dahin gleiten.

Gleiten - das ist es eigentlich nicht, was ich mit der Pan mache. Zwar sitze ich auf der weichen Sitzbank fast wie in Großvaters Fernsehsessel, doch lässt das Fahrwerk auch feinere Unebenheiten durchkommen. Nicht unangenehm - aber es ist eben kein Gleiten. Muss auch nicht, denn so fühle ich mich trotz dem Komfort, den die Pan bietet, immer noch als fahraktiver Biker.

Ich ziehe mit der Pan in den Abend hinein meine Bahnen und lasse sie über die Hausstrecke förmlich fliegen. Ja, 326 kg Leergewicht können in Form einer Pan European wirklich zügig bewegt werden. Sie lässt sich leicht und sehr direkt einlenken. Lenkimpulse übernimmt sie sofort und setzt sie unvermittelt um. Ich bin wieder überrascht, wie sich die Pan durch Kurven richtig durchziehen lässt ohne dabei auch nur eine Spur von Fahrwerksunruhe zu zeigen. Die Schräglagen sind ausreichend, so dass die Nippel der Fußrasten erst recht spät aufsetzen. Das beginnt so richtig Spaß zu machen. Das Herausbeschleunigen aus Kurven funktioniert dank des wirklich durchzugsstarkten Aggregats spielerisch und ohne Mühe.

Um sich sicher zu fühlen, packt das CBS-Bremssystem ausreichend satt zu. Zwar verlangt eine Vollbremsung einiges an Handkraft, doch liegt das alles mehr als gut im Rahmen. Sehr fein empfinde ich die Dosierbarkeit der Bremsen, wenn sie mit dem Handhebel betätigt werden. Da ist alles möglich. Das feine Verzögern in Schräglagen eröffnet dabei überhaupt keine Problemstellungen. Leichtes Aufstellen kann mit ebenso leichtem Gegendruck ausgeglichen werden. Das wirkt alles rundrum perfekt auf mich.
Das ABS funktioniert so, wie es sein soll. Kaum spürbar wird blockieren verhindert ohne dass sich die Intervalle zwischen Nachlassen und Verstärken der Bremskraft ins Gewicht fallen. Dieses System in der Pan ist von meinen Testerfahrungen her das bisher beste ABS, vor allem, da ich nicht das Gefühl habe wie bei ABS von Konkurrenten, dass ich bei Aktivierung des Systems z.B. auf Schotter einige Meter ungebremst fahre. Ich habe das Gefühl von ständiger Verzögerung und fühle mich dadurch sicherer.

Nachdem ich nun diese Fahrwerksgrenzen ausgelotet habe, gebe ich mich am nächsten Tag als Tourenguide der Wheelies-Tour nach Hirschling dem eher gemütlichen Touren hin. Die Pan bewege ich fast nur noch im ersten, dritten und fünften Gang. Der Motor wirkt immer fit und bereit zum Anzug. Der Windschutz ist wirklich einzigartig. Nicht die kleinste Verwirbelung zerrt an meinem Helm oder sorgt für erhöhte Windgeräusche. Auch dies ist auf langen Touren ein wichtiges Kriterium, wenn es darum geht, so entspannt wie möglich am Ziel anzukommen. Leider habe ich bei meinen Tests bei Tourern anderer Hersteller schon schlechte Erfahrungen sammeln müssen. Die Pan sticht da wirklich heraus.

Als tourentauglichen Vorteil empfinde ich den voluminösen 29 Liter Tank. Da ist bei normaler Landstraßengeschwindigkeit der nächste zwingende Tankstopp weit mehr als 400 km entfernt. Und an der Säule kann man sich mit Normalbenzin begnügen. Das zeigte sich auf der Tour nach Hirschling für mich als Vorteil. Ist doch der Sprit in der Oberpfalz im Schnitt im 5 - 10 Cent teuerer als im heimischen Ries, konnte ich so mit einer Tankfüllung die gesamte Tour fahren und musste nicht "überteuert" nachtanken für die Rückreise.

Einen sehr guten Eindruck hinterläßt die gesamte Handhabung der Pan auf mich. Die Bedienelemente wirken hochwertig. Das Honda-Diebstahlschutzsystem verhindert als Wegfahrsperre, dass die Pan von Unbefugten angelassen werden kann. Nur mittels des zum Bike gehörenden Schlüssel kann sie zum Leben erweckt werden.
Die Hebeleien sind beidseitig einstellbar. Die Kupplung wird hydraulisch betätigt und trennt kalt wie warm einwandfrei. Das Getriebe lässt sich wunderbar weich und mit kurzen Wegen schalten. So mag ich das drumherum beim Biken.

Fazit:
Mit der 2002er Pan European ist Honda im Segment der komfortablen Tourer ein Volltreffer gelungen. Sie ist ein Motorrad, auf dem man sich schnell wohl fühlt und auf dem weite Autobahnetappen ohne Probleme und Genickstarre zügig hinter sich gebracht werden können. 225 km/h als Vmax genügen da vollständig aus. Die Pan lässt sich bis zur 200 km/h-Marke absolut problemlos fahren. Drüber wird sie etwas störanfällig. Sie birgt für Fahrer und Beifahrer viel Platz und strotzt mit horrendem Sitzkomfort. Die höhenverstellbare Sitzbank für den Fahrer unterstützt die für die Maschine vorzügliche Sitzergonomie.
Wer also ca. 16 000 Euro für ein Motorrad ausgeben möchte, das in sich perfekt wirkt, sollte sich ruhig mal die Pan zu einer Probefahrt holen.