Fahrbericht Honda Hornet 900
Stand: März 2002

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn

Es ist mein erster Test in diesem Jahr. Das Wetter an diesem frühen Märzwochenende soll so richtig für eine Saisoneröffnung taugen. Milde Temperaturen gekrönt von in dieser Jahreszeit nicht selbstverständlich vorhandenen trockenen Straßen. Und wirklich: die Wetterfrösche vermeldeten die Wahrheit. Die Saison kann eröffnet werden.

Da ich für dieses Jahr einen umfangreichen Testplan habe, beginne ich früh mit dem Testen und terminiere mir bei der Fa. Kreiselmeier in Feuchtwangen die Honda Hornet 900. In der Presse las ich schon einiges über die erstarkte Hornisse aus dem Honda-Nest und war natürlich mehr als neugierig, wie sich das Leichtgewicht mit bewährtem Fireblade-Aggregat über die Pisten bewegen lässt.

Die Sonne ist von leichten Schleierwolken verdeckt, die Temperaturen liegen um die 15°C, als ich von Martin Kreiselmeier die Maschine in Empfang nehme. Im Laden kann ich gleich einige von ihm gefertigte Umbauvarianten unter die Lupe nehmen. Schön, was er da so aus der eh schon grazil wirkenden Hornet machen kann mit Lack- bzw. Edelstahlteilen und polierten Felgen, die in Verbindung mit der veränderten Lampenfront fast den Charakter eines edlen Steetfighters erwecken könnten.

Ich laufe um die Maschine herum. Aufregend, wie sie ihre Wespentaille zur Schau stellt und mit den bis unter den Sitzbürzel gezogenen Auspuffrohren viel Schräglage zu versprechen scheint. Unverhüllt der wassergekühlte Motor, der seinen Ursprung in der 98er Fireblade hat.
Die veränderten Leistungsdaten (109 PS, 91 NM bei 6500 Umin) lassen vermuten, dass Honda einen echten Landstraßenhobel im Naked Format unter das Volk bringen mag. Eine Maschine also, die schon im unteren und mittleren Drehzahlbereich anständig Druck an das Hinterrad bringen kann. "Woll'n mal seh'n", dachte ich mir und startete das Aggregat. Ungewohnt die direkt an der Einspritzanlage betätigte Chokeeinrichtung, die jedoch für einen absoluten Kaltstart schon fast überflüssig ist. Der Motor beginnt gleich seidenweich zu laufen, nimmt unvermittelt Gas an und ruft mit dumpfem Ansauggeräusch nach Action.

Draußen auf der Landstraße dann die ersten sanften Beschleunigungsversuche. Schließlich muss ich mich erst mal wieder an das Biken allgemein, dann noch an die Hornet gewöhnen. Und diese macht mir die Antastphase wirklich leicht. Sie ist ein Gerät zum Wohlfühlen. Sofort finde ich mich darauf zurecht und lasse sie nach den Warmfahrkilometern etwas saftiger laufen. Hey, das geht richtig unter die Haut, wie dieses modifizierte Bladeaggregat an der Kette zerren kann. Schon aus niedrigen Drehzahlen heraus geht die Hornet kraftvoll und immer satt am Gas hängend ans Werk. Ab 6500 Umin geht sie sanft in heftige Beschleunigungsaktionen über, die ohne Reduzierung des Vorwärtsdrangs bis an den Begrenzer gehen können. Ausdrehen ist jedoch nicht nötig, Da die Hornet einen großen Drehzahlbereich zur Verfügung stellt, in dem sie satt am hinteren Gummi radiert, kann sie auch kommod in den hohen Gängen gefahren werden und jederzeit die gesamte Fuhre in meist zu hohe Geschwindigkeitsregionen treiben. Der dann schnell auftretende Orkan von vorne, dem man ungebremst ausgeliefert ist, bringt einen dann schnell wieder zur Raison bzw. liefert eine realistische Rückmeldung über die tatsächlich gefahrene Geschwindigkeit.

Ich möchte es nochmals betonen: die Durchzugswerte der Hornet 900 sind vom Feinsten. Sie wirkt auf den ersten Blick hin eher wie ein Mittelklasse-Krad aufgrund ihrer eher feingliedrigen Erscheinung. Doch sie versprüht die Power und den Elan wie sie eher in der 1200er-Naked-Fraktion zu finden ist. Die geht so richtig gut ab. Dieses breite Grinsen mit dem ohrenverbindenen Querspalt steht mir schon nach kurzer Zeit im Gesicht. Ich bin froh, vollgetankt zu haben. 19 Liter stehen mir zur Verfügung bis zum nächsten Boxenstopp. Heilfroh, denn ich mag nicht mehr anhalten - nein - nur noch dieses Spaßgerät fahren und genießen und dabei spüren, wie sich Adrenalin und Endorphine anscheinend die Waage halten können.

Auf meiner Hausstrecke kommt dann die Stunde der Wahrheit. Schließlich besteht ein Moppett nicht nur aus Motor. Das Gesamtbild entscheidet.
Vorweg gesagt: das Bild ist rund. Die Technik ist nicht allzu aufwendig. Ein Mono-Backbone-Rahmen gibt dem Motor seine Heimat, knappe Abmessungen inbegriffen. Man sieht vom Rahmen fast nichts. Zu sehen ist vor allem der Motor, der nun mit einer Einspritzanlage seine Energie zur Verfügung gestellt bekommt.
Vorne mit einer 43er Telegabel, hinten mit einer Zweiarmschwinge bestückt, bringt die Hornet die Kraft klar auf die Straße und liegt dabei in jedem Schräglagenwinkel bis zum Rastenkratzen ohne Spuren von Unsicherheiten. Das Fahrwerk wirkt sportlich stramm, ist jedoch in der Dämpfung vorne wie hinten nicht einstellbar. Hinten gibt es sieben Federbasisstufen, das war es dann auch schon. Und es reicht vollkommen aus. Sicherlich ließe sich das Fahrverhalten mit Fahrwerkselementen aus dem Zubehör noch verbessern. Ich sehe jedoch keinen Grund dazu.

Die Hornet zeigt sich auf kleinen kurvenreichen Straßen so richtig in ihrem Element. Leichtfüßig lässt sie sich dankbreiter Deichsel mit geringem Kraftaufwand durch enge Kombinationen wedeln. In schnellen Kurven genügen zum Einlenken knappe Lenkimpulse, um die Maschine in die gewünschte Richtung zu bringen, die sie relativ stur verfolgt. Relativ, da bei höheren Geschwindigkeiten natürlich durch Luftverwirbelungen, die an den Armen und Schultern des Fahrers zerren, direkte Lenkimpulse an den recht breiten Lenker weiter gegeben werden, was das Fahren um die 200 km/h manchmal etwas unruhig werden lässt. Eine kleine Lenkerverkleidung könnte da sicherlich Abhilfe verschaffen.

Was das Bild beim Schnellfahren zudem etwas trübt, ist ein Aufschaukeln des Hecks. Das lässt auf eine zu weiche Dämpfung des Federbeins hinten schließen.
Ansonsten kann man mit der Hornet auch in den oberen Geschwindigkeitsregionen richtig räubern gehen und den Voll- bzw. Halbschalentieren auch schon mal die zwei wunderschön nach oben gezogenen Auspufföffnungen zeigen.

In punkto Verzögerung steht die Hornet den Sporttourern in nichts nach. Vorne behält die Vierkolben-Bremsanlage stets, auch bei wirklich räuberischer Fahrt durch Kurvengewirr, ihren recht klaren Druckpunkt. Sie ist immer gut dosierbar und bei Bedarf knallhart in der Wirkung (Stoppies inklusive). Hinten ist die Wirkung ok, der Druckpunkt jedoch total teigig.

Was mich stark beeindruckt, sind die Schräglagen, zu der die Hornet in der Lage ist. Da setzt so schnell nichts auf. Irgendwann kommen dann die Angstnippel der Rasten. Aber lässt man die Rasten dann hochklappen, ist immer noch Platz. Und die Hornet liegt, lässt sich ohne große Fahrwerksunruhen aus den Kurven beschleunigen und kann mit ihrer Agilität schon mal einen schmerzhaften Stachel ins Leder der Heizergilde setzen. Schließlich kann sie auch ohne Verkleidung all die Disziplinen der Sportgeräte z.T. genau so gut. Nur Vmax kann sie nicht so gut. Aber wer braucht schon ein Naked-bike, das schneller als gut 230 km/h läuft? Dazu noch für die Landstraße?

Wenn die biologischen Hornissen bei Dämmerung das Nest aufsuchen, ist unsere Hornet noch immer unterwegs. Schließlich hilft ihr dabei ihr Klarglasscheinwerfer, der ein ausgesprochen helles flächiges Abblendlicht liefert, dem auch das Fernlicht in Wirkung und Helligkeit um nichts nachsteht. Die Hornet macht somit Tag und Nacht Spaß. Zudem wirkt sie aufgrund ihrer Sitzposition tourentauglich.

Leider nimmt sie sich für ihre Leistungen einiges an Normal bleifrei zur Brust. 7,5 - 8 Liter bei zügigem Normalbetrieb, jedoch 9,5 Liter bei echter Hatz finde ich schon etwas viel. Das 19 Liter Fass lässt somit knapp 250 km an Strecke bis zum Ausrollen in der Tankstelle zu. Aber was soll's. Der Spaß macht es bei diesem Gerät, das mit U-Kat bestückt zudem ein bisschen Umweltgedanke mit sich trägt.

Fazit:
Die Hornet kann als Spaß- und Tourengerät gleichfalls überzeugen. Mit ihren klassischen Instrumenten informiert sie über das Notwendigste, zeigt dabei aber auch, dass nicht gemessene Werte wichtig sind, sondern die Fahrfreude, die sie in jeder Situation vermitteln kann. Mit starken Bremsen und einem zum sportlichen Kompromiss wirkenden Fahrwerk kann sie so ziemlich alles, was man auf Landstraßen so mit einem Motorrad machen kann. Das Konzept wirkt in sich harmonisch und bietet vom ersten Fahraugenblick das, was sich eine Vielzahl an Bikern wünschen: pure Fahrfreude bei satter Leistungsausbeute. Setzt man das in Relation zum wirklich günstigen Preis von gut 8700 Euro, wirkt die Hornet schon fast wie ein Schnäppchen.