Fahrbericht Ducati ST4
Stand: 04/2001

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, M.Bauer


Nicht nur Kennern der Motorradszene dürfte hinlänglich bekannt sein, dass italienische Motorradkonstukteure in ihren Bikes ihre Leidenschaft und Impulsivität mit verbauen. Ducatis sind schon immer für ihre Individualität in Technik und Design anderen Herstellern Modell gestanden.
In der Ducati ST4 als Mitglied der großvolumigen Tourensportler lebt diese Tradition in wunderbarer Unauffälligkeit weiter.

Über Geschmack lässt sich bekannterweise streiten. Puristische Ducatisti lehnen die für ihre Maßstäbe dicke, zu runde und zu sanfte Duc ab. Andere wissen gar nicht, dass die ST 4 sich von den reinen Sportlern durch eindeutige Tourermerkmale abhebt. Bis vor kurzem gehörte sogar ein Koffersystem zur Serienausstattung.

Um der Ducati ST 4 auf den Zahn zu fühlen, bekam ich dankenswerterweise ein Exemplar von Andreas Schilling in Wilburgstetten zur Verfügung gestellt.

Knallgelb stand sie im Laden. Die Farbe ist nur der ST 4 vorbehalten. Die „kleinere“ Schwester ST 2 muss auf diese auffällige Farbe verzichten. Beim Gang um die Maschine entdeckte ich kleine, aber sinnvolle Details (Steckdose, klappbarer Hilfsgriff zum Aufbocken, Haltegriff am Bürzel, Hauptständer; Kryptonite-Schloss), die das Bikerleben in vielen Situationen erleichtern. Klasse durchdacht empfand ich die Spiegel mit Extraflächen in den Außenspitzen, um den toten Winkel besser zu überblicken, was wunderbar funktionierte. Sie ersetzen zwar nicht den Blick über die Schulter, doch tragen sie nochmals zur Sicherheit bei.

Der aus der 916er bekannte Vierventiler lief gleich nach dem Druck auf den E-Starter rund. Der Choke konnte nach einigen Momenten herausgenommen werden. Klassisch und bekannt der sonore und weltweit patentierte Duc-Sound. Animierend, Stoff zu geben und das Ding schreien zu lassen. Klassisch auch die hohe Handkraft, die einem die etwas rupfende Kupplung auch dieser Duc abverlangt. Man muss halt hinpacken, wenn man eine Ducati fahren will.
Etwas gewöhnungsbedürftig für mich war das Handling. Ich musste mich erst an die recht vorgebeugte Sitzposition gewöhnen. Für die große, weite Tour war mir etwas zu viel Druck auf den Handgelenken.

Nach einigen Kurven hatte ich es schnell raus, die ST 4 flotter zu bewegen. Leichtes und sehr zielgenaues Einlenken motivierte mich, es zunehmend zügiger angehen zu lassen. Ein tolles Gefühl, wie satt und unbeirrbar die Maschine vorgegebene Linien einhielt. Die Federelemente sprachen sehr fein an und reduzierten die nervigen kleinen Stöße in den Nullbereich. Auch mit Sozia gab es keinen Moment der Instabilität. Echt super, dieses Fahrwerk. Sportlich, aber nicht hart. Das lässt vermuten, dass die ST 4 auch auf der Rennstrecke zu Hause sein kann. Der Weg dorthin kann so mit ihr ohne Kreuzschmerzen etc. zurückgelegt werden, denn das verbaute Sitzpolster ist angenehm breit und fast schon komfortabel geformt. Der Kniewinkel forderte von mir keine Stretchingübungen während der Fahrt ab. Vom Winddruck wird man weitgehend verschont.
Alles in allem hervorragende Voraussetzungen für Spaß und Genuss. Nun zur Leidenschaft, denn schließlich handelt es sich beim beschriebenen Objekt um eine echte Ducati.

Leidenschaft ist eine Herzensangelegenheit. Schon das Bullern des Duc-Doppelherzes erreichte meines auf direktem Weg. Im unteren Drehzahlbereich trat die verbaute Leidenschaft eher gedämpft auf, denn die ST wollte noch nicht sauber am Gas hängen und machte noch nicht so recht Druck. Ab 5000 Umin mutierte die Müdigkeit in aufgeweckten und direkten Vorwärtsdrang. Ab 6500 Umin begann die Duc mit fauchendem Biss nach vorne zu drücken und schrie dabei übermütig ihre Energiepotintiale durch die 2 Alutöpfe in die Welt. Die Duc wird sagenhaft schnell. Bei 7000 Umin zeigt die Uhr schon auf 200. Man sollte den Tacho, der übrigens Bestandteil der von der 996er übernommenen Instrumentierung ist, auf der Landstraße regelmäßig im Blick behalten, denn die übermäßigen Potentiale an Leidenschaft und Energie springen irgendwie über.

Dann hat sie dich in ihrem Bann. Dann beginnt der innere Machtkampf zwischen sachlicher Vernunft und emotionaler Hingabe. Und wehe, du gibst dich bedingungslos hin. Die Kurven werden mit dem höheren Speed nicht weiter, die Blitzportraits vom Straßenrand nicht weniger, die Haftfähigkeit der Reifen nicht größer.
So schade es ist, aber die gesunde Mischung macht’s. Bedingungslose Hingabe muss dann woanders stattfinden. Die Sozia wird es Dir danken. Ihr Stammplatz glänzt durch harte Polsterung.

Der Weg durch die 6 Gangstufen konnte mit kurzen Schaltwegen flott durcheilt werden. Dennoch wirkte der Hebel beim Raufschalten teigig. Die Gangstufen 5 und 6 forderten etwas Nachdruck.

Um ungestümen Vorwärtsdrang zu bändigen, bedarf es Disziplin und dem Fahrzeug angemessener Bremsen, die Ducati in der St 4 verbaute. Vorne sorgen 320er Doppelscheiben mit je einer 4-Kolben-Beißzange dafür, dass in landstraßenüblichen Aktionen 2 Finger durchaus für Stillstand der Fuhre sorgen können. Sicherer geht’s noch mit Unterstützung des hinteren Stoppers, der in seiner Funktion denvorderen um nichts nachsteht.

Fazit:
Die ST 4 geht trotz einiger Kompromisse als echte Duc durch. Schließlich steht nicht nur Ducati drauf, sondern es ist auch ganz schön viel echte Ducati drin. Sie ist ein fetziges Allroundgenie mit Hang zu mehr Sportlichkeit dank großer Schräglagenfreiheit. Urlaubstouren sind drin und machen sicherlich Spaß. Klasse die Verarbeitung und die Serienausstattung. Verwunderlich, warum die Koffer nicht mehr zur Serie gehören. Für 23840 .- DM (all inclusive) ein vernünftiges Motorrad mit italienischem Feuer inside.