Fahrbericht: Cagiva Gran Canyon
(Stand: 1999)

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, M. Bauer

Es gibt Dinge, die tust Du ein Mal - und Du denkst, es darf nicht wieder aufhören. Du bist im tiefsten Inneren Deiner Emotionen gefangen von der Idee, es immer wieder tun zu müssen. Und die Gedanken kreisen ab dem Moment nur noch darum, Dir Dein Suchtmittel zu besorgen. Vernunft und Realität bilden plötzlich nur noch einen wackeligen Gegenpol zur Lust und Gier, Deinem Trieb ungezügelt zu befriedigen. Mich hat’s gepackt.

Als ich mir beim “race-point” in Nördlingen die Cagiva abholte, wußte ich, daß das Gerät vom modifizierten 904 ccm -Twin der Ducati 900 SS zum Laufen gebracht wird. Ich war auch darüber informiert, daß die Maschine bei den “Funduros” zur ersten Sahne gehören soll.

Martin Osswald vom “race-point” übergab mir den Zündschlüssel mit dem Hinweis “Die macht echt Spaß”. Gut - also, zuerst in den Tank - nein - die 2 Tanks geguckt, ob genug Sprit drin ist, denn die Tankuhr fehlt. Eine Kontrollampe leuchtet bei 4 Litern Rest in den 2 Hohlräumen, die gemeinsam befüllt 20 l beherbergen können.
So - jetzt Zündschlüssel rum, starten - und plötzlich ahnte ich nach sofortigem Anspringen des Duc-Twins, daß XXL- Power zum Leben erweckt wurde und die Maschine zu allen Schandtaten bereit war.
Mit der Sitzposition mußte ich mich zuerst anfreunden. Man sitzt sehr gerade in endurotypischer Position, in der ich mich aber nach den ersten Metern schnell wohl fühlte. Die ersten Meter - ja - also 1. Gang rein, etwas Gas und dann Kupplung kommen lassen - ein zig 1000 Mal wiederholter Vorgang, der Fleisch und Blut ist.
Denkste. Hier heißt es aufpassen, denn bei rechts etwas mehr und links etwas schneller hebt die Fuhre vorne spontan ab. Der Motor greift sofort und deftig an und macht klar, daß Du Dir den Dreh am Gasgriff vorher überlegen solltest, denn ist er erst mal losgelassen, drückt der Bock nur noch vehement vorwärts. Jede noch so kleine Bewegung am Gasgriff wird ohne Zeitverzögerung sofort mit Schub beantwortet. Sicher ein Verdienst der Weber-Marelli-Einspritzung. In jedem Drehzahlbereich steht Leistung satt zur Verfügung.

Martin Osswald berichtete, daß den im Fahrzeugschein angegebenen 68 PS reale 84 muntere Pferde gegenüberstünden, die im hauseigenen Leistungsprüfstend gemessen wurden. Dabei drückte die Test-Cagiva 95 NM ab. Das sagt schon alles.

Das 6-Gang-Getriebe ist gut abgestimmt. V-max konnte ich nach Tacho liegend 185 km/h ermitteln. Mit Sozia waren gute 170 drin. Das reicht locker für das Terrain, für das die Cagiva wie geschaffen zu sein scheint: kleine, kurvige Sträßchen abseits des großen Verkehrs. Egal, welchen Teerbelag Du vorfindest, egal wie holprig die Straße ist, egal wieviel Patchwork die professionellen Straßenflicker fabrizierten, egal ob alleine oder zu zweit, die Maschine hält Kurs und wackelt nicht, sie schlingert oder pendelt nicht.

Nach den ersten Kurven packt es Dich dann. Du willst Grenzen testen, willst probieren, ob nicht doch etwas an diesem Moped aus der Ruhe zu bringen ist. Du wirst positiv enttäuscht. Fahrwerk und Reifen arbeiten perfekt zusammen. Und zudem noch recht komfortabel. Kleinere Stöße werden geschluckt. Das Fahrwerk wirkt straff, aber nicht hart.
Du denkst, Du mußt die Maschine wuchten und drücken, um sie mit ihren immerhin gut 240 kg vollgetankt und fahrfertig um’s Eck zu bekommen - wieder Fehlanzeige: die Cagiva fällt wie von selbst in die Schräge und läßt sich spielerisch hin und her bewegen. Schräglagenfreiheit gibt es solo scheinbar ohne Ende. Zu zweit gibt’s ab und zu Fußrastenkontakt mit dem Asphalt.

“Komm’, gib’s mir! Zeig’s mir!” scheint sie Dir mit ihrem stets sonor- dumpfem Ansaugschlürfen einzuflüstern. Und Du tust es: Gas runter, und beschleunigen. Immer wieder. Der Schub und Sound machen triebhaft. Ab 6000 U/min hat sie Dich dann vollends in der Hand. Sie röhrt Dir donnernd ins Ohr: “Mehr, mehr, ...” - und Du gibst ihr, wonach sie verlangt.

Einige seltene Blicke auf den Tacho veranlaßten mich immer wieder (und dann seltener), die Geschwindigkeit zu verzögern. Selten war ich im Bereich der STVO unterwegs, mit schlechtem Gewissen, weil ich ein sonst eher harmloser Biker bin.
Heute hat’s mich. Und ich fühl mich total sicher dabei. Selbst zu schnell angefahrene Kurven können in saftigen Schräglagen ohne Anzeichen von Aufstellmomenten runtergebremst werden. Die gut dosierbaren Nissins vorne und hinten verrichten ihre Stopparbeiten perfekt.

An diesem Gerät paßt einfach alles - fast alles. Es gibt einige, aber eher nebensächliche Schönheitsfehler im Gesamtbild, die dem maximalen Spaßfaktor jedoch absolut keinen Abbruch leisten. Da wären die spiegelnde Instrumentenabdeckung, der fehlender Mittelständer, ein etwas zu langer Seitenständer, eine hohe Handkraft fordernde Kupplung (das ist Duc-typisch, oder?) und der wirklich unpraktische Doppeltank. Sonst nichts.

Positiv fielen mir die gute Verarbeitung und sinnvolle Details wie Stahlflexleitungen an allen Bremsen und der Kupplung, einstellbare Handhebel und einem Alu-Gepäckträger mit integrierten Soziushaltegriffen, die absolut praktisch positioniert und dem Sozius echt dienlich sind.

Für die große Tour wird demnächst nach Info von Hr. Osswald ein Koffersystem angeboten werden. Denn die Cagiva Gran Canyon ist durchaus tourentauglich. Fahrer wie Sozius sitzen entspannt, so daß auf Strecke die leeren Tanks sicher der wahrscheinlichere Grund für einen Stopp sein dürften.

Sie ist echt was besonderes. Die Cagiva Gran Canyon besticht durch perfekt aufeinander abgestimmte Technikkomponenten und auffälligem Design. Sie garantiert ab dem ersten Moment Spaß pur, der dem geplagten Konto eines Suchtanfälligen jedoch stolze 18.345 .- DM abverlangt.

Aber mal ehrlich: kennen Sie kostengünstige Suchtmittel?