Fahrbericht BMW R 1200 RT

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, M. Kätker


In der Modellvariante 2010 kommt der neue DOHC-Boxer zum Einsatz, der sein Seriendebut in der BMW HP2 Sport feiern konnte. Mit satten 133 PS und vehementer Drehzahlstabilität bis hin zu 9500 U/min konnte er neue Maßstäbe im Boxerbau setzen.

Nun hat diese Technik in der aktuellen R 1200 RT Einzug gehalten. Folge dieser Innovationen sind ein von 115 auf 120 NM gesteigertes Drehmoment bei 6000 U/min und eine Erhöhung der max. Drehzahl auf 8500 U/min. So kann nun ein breiteres Drehzahlband genutzt werden. Zudem soll die Durchzugskraft im unteren und mittleren Drehzahlbereich gesteigert sein.

Die DOHC-Technik:
Jeder Zylinder verfügt über zwei kettengetriebene oben liegende Nockenwellen, die je vier äußerst leichte und drehzahlfeste Ventile betätigen. Durch deren radiale Anordnung entstand ein sehr kompakter Brennraum. Bei einer Verdichtung von 12:1 zünden 2 Zündkerzen je Zylinder das explosive Gemisch. Wie beim traditionellen 1200er Boxer kann dank Klopfregelung Spritz mit 95 oder 98 OZ verwendet werden. Volle Leistung steht jedoch nur mit Super Plus zur Verfügung. Um satten Durchzug im unteren und mittleren Drehzahlbereich und gleichzeitig maximale Drehfreude zu erzielen, optimierte man die Steuerzeiten.
Bohrung und Hub und der Hubraum von 1170 ccm blieben unverändert. Dagegen kommen nun an den neuen Brennraum angepasste Alugusskolben.

Optisch erhielt der neue Boxer dynamischer gestaltete Ventildeckel, die nun Zylinderkopfhauben heißen und mit 2 statt 4 Schrauben befestigt werden.

Weitere Veränderungen:

  • Das neue ESA II, das als Sonderausstattung geordert werden kann (und zu dem ich nur raten kann): zusätzlich zur Dämpfung und Federvorspannung kann nun auch mittels Knopfdruck die Federrate = Härte der Feder des hinteren Federbeins eingestellt werden. Alle Variablen werden mit den 3 möglichen Einstellungen „solo“, „solo mit Gepäck“ und „mit Sozius und Gepäck“ abgedeckt.
  • Elektronische Abgasklappe für voluminöseren Sound
  • Die Verkleidung wurde im Design geändert zugunsten eines optimierten Wind- und Wetterschutzes
  • Das Instrumentarium wurde komplett neu gestaltet.
  • Das Windschild ist größer, weist eine verbesserte Aeroakkustik und Durchsicht auf. In der Praxis überzeugt es mich mit hervorragendem Wind- und Regenschutz. Und ich werde von störenden Verwirbelungen verschont. Die Sogwirkung tendiert Richtung Null. Genial, wie ich finde – und es kann ohne Probleme auch an die bisherige R 1200 RT montiert werden.
  • Die Schaltereinheiten wurden komplett neu gestaltet. So wird der Blinker nun nach japanischem Standard betätigt. Zudem wird die optionale Soundanlage nun mittels eines Multifunktionsrades (Multi-Controller), das wesentlich näher am linken Griff positioniert ist, bedient. Das ist eine echte Verbesserung im Vergleich zum bisherigen Bedienkonzeptes.
  • Die Soundanlage weist nun statt eines CD-Laufwerkes eine Schnittstelle für iPod bzw. USB-MP3 auf. Genial, wie ich finde. So konnte ich während der Testzeit meinen USB-Stick mit massig Musik zum Einsatz bringen.

Aber wie fährt sie sich denn nun, diese Luxusmaschine? Meine Testmaschine ist mit allem ausgestattet, was das Zubehörregal hergibt. Soundanlage, Sitzheizung, ESAII, Antischlupfregelung, Heizgriffe, …… , die Liste lässt sich beliebig fortführen.

Und es geht in die Berge. Hahntennjoch, Namlostal, Kurven bei schönstem Wetter. Alle Fahrbahnbeläge sind auf den Strecken versammelt. Die Anfahrt dorthin geschieht bei teilweise hohem Tempo. Der Boxer erweist sich als potentes Triebwerk mit leichten Leistungseinbrüchen an den gleichen Stellen wie beim bisherigen Boxer. Aber er wirkt, als ob er besser im Futter steht. Die kleinen Leistungsflauten erweisen sich als weit weniger störend als beim bisherigen 1200er Boxer.

Hart vibrierend drückt das kernige Aggregat direkt auf Abruf seine Leistungsattacken in den Kardan, der ebenso hart agierend die Kraft auf das Hinterrad bringt. Das ginge weicher sicher auch, aber leider nicht mit diesem Motoren-Antriebskonzept.
Verlange ich jedoch lediglich den üblichen Tourenvorwärtsdrang, kann die RT auch sanft. Dann hält sie sich mit den Vibrationen fast gänzlich zurück und brilliert mit Komforteigenschaften.

Endlich angekommen. In Stanzach biege ich ein ins Namlostal. Guter Belag und schöne Kurven. Ich kann bei der RT aus dem Vollen schöpfen. Die ersten Kehren gehen wie von selbst. Aus dem 2. Gang heraus schiebt der Boxer kraftvoll die 400 kg – Fuhre (inkl. leichtgewichtigem Fahrer) den Berg hinauf. Gewohnt einfach lässt sich die RT in die Kehren drücken. Sie fällt fast von alleine rein. Das fühlt sich sehr sehr gut an. Einige andere Bikes „stehen“ uns im Weg rum. Überholen ist auch kein Problem. Der Luxusdampfer lässt sich nicht lumpen und überzeugt mit sattem Durchzug aus tiefen Drehzahlregionen. So sind selbst Überholmanöver mit äußerst kurzen Überholwegen möglich. So geht es im Durchzugstempo durch das Tal mit seinen genialen Kurvenkombinationen.
Irgendwann nach Berwang laufe ich auf eine 1100er Pan European auf. Der Hondafahrer beherrscht seine Maschine und lässt sie laufen. So fliegen wir beide mit unseren schweren Boliden Richtung Talende. Dort angekommen tauschen wir uns kurz aus und sind gegenseitig über die Qualitäten unserer Maschinen erstaunt. Schließlich waren auf dem Teilstück starke lange Bodenwellen in Kurven, die so ein Fahrwerk, das an der Grenze bewegt wird, aus der Ruhe bringen könnte. Nicht jedoch bei unseren Maschinen. Dabei habe ich den Eindruck, dass die alte 1100er Pan ihre Sache sehr gut machte, die RT jedoch mit ihrer wegeabhängigen Dämpfung deutlich souveräner ihre Spur behält. Genial, vor allem weil ich während der Fahrt mittels ESA II das Fahrwerk auf die Straßenbeschaffenheit abstimmen kann.

Weil es so schön war, fahr ich das Tal wieder zurück und begebe mich ins Hahntennjoch – bekannt für rutschigen Fahrbahnbelag und auf der Imster Seite für deftige Wellen – auch wieder eine Herausforderung für das Fahrwerk. Auch diese Aufgabe löst die RT hervorragend. Die steilen Kehren zu Beginn verlaufen absolut problemlos. Weiter oben donnert eine 1200er GS an mir vorbei, als ich einen Ausblick genieße. Ich frage mich, ob die schwere RT der GS auf ihrem Hometerrain das Wasser reichen kann und gebe Gas. Mit viel Schwung, deftigen Schräglagen und satten Beschleunigungen hole ich zur GS auf. Der Fahrer legt nochmals Kohlen auf und treibt seinen Boxer derb an. DOHC-beflügelt ziehe ich nach und kann dran bleiben, könnte sogar noch an ihm vorbei, wenn es die Strecke zuließe. Aber zu kurz sind die übersichtlichen Strecken, sodass ich hinter ihm bleibe.
Unterstützt werden diese Fahrten von der sehr gut funktionierenden teilintegralen Bremsanlage. Das ABS regelt erfreulich spät, sodass einer sportlichen Fahrweise mit späten, aber sehr kräftigen Bremsmanövern nichts im Wege steht. Die Anlage vermittelt mir ein sehr sicheres Fahrgefühl.

Danach geht es gemütlich weiter. Begleitet werde ich immer von MP3-Musik aus den beiden Frontlautsprechern, die sehr guten Sound bis zu 140 km/h liefern, wenn ich die Scheibe ganz hochfahre. Dann bekomme ich keinen Winddruck, aber auch keine Windgeräusche mit. Bis 100 km/h bleibt es hinter der hochgefahrenen Scheibe total leise. Genial empfinde ich die Steuerung der Soundanlage mit dem radförmigen Multi-Controller. Sowohl das Radio als auch den USB-Stick hab ich so wunderbar während der Fahrt im Griff und stelle mir darüber noch Lautstärke und Sound auf meine Bedürfnisse ein.

Die neuen Instrumente lassen sich wunderbar ablesen, das Info-Display lässt keinen Wunsch offen. Heizgriffe wie Heizsitze sind geniale Wegbegleiter, wenn es unterwegs kalt wird.
Das serienmäßige Koffersystem bietet ausreichend und wasserdicht Platz für größere Touren.

Fazit:
DOHC – es ist kein Zauberwort für vehement spürbare Leistungsverbesserung bei der R 1200 RT. In Nuancen kann ich eine homogenere Leistungsabgabe bestätigen, vor allem im unteren Drehzahlbereich.
Dennoch, die RT ist und bleibt ein tolles Motorrad für alle Lebenslagen auf Asphalt. Man hat alles Angenehme eingebaut dabei. Der verbesserte Windschutz trägt deutlich für ein angenehmeres Fahrgefühl bei. Ebenso die besseren Polster.

Ob man sich jedoch gleich das ganz aktuelle Modell kaufen muss oder auch mit einer gebrauchten 1200er RT glücklich wird, kann letztlich nur von jedem selbst entschieden werden. Egal wozu er sich entscheidet, er wird in jedem Fall ein ausgezeichnetes Luxusmotorrad mit hoher Alltagstauglichkeit als Gegenwert erhalten.