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Fahrbericht BMW R 1150 RS
(Stand: 10/2001)

Text/Fotos: Ralf Kistner

Der Trend unserer Zeit ist Schnelllebigkeit. Nichts bleibt lange, wie es war. Technische Produkte werden immer besser, Computer immer schneller und vergleichsweise günstiger. Hightech wohin das Auge durch Pencams blicken kann.

Totale rechtsDie Motorradbranche geht, soweit möglich, in ihren dafür vorgesehenen Marktsegmenten diesen Weg mit. Jedes Jahr werden bisher als perfekt getestete Bikes nochmals verbessert, schneller gemacht und zu verdaubaren Preisen angeboten. Verkleidungsgesichter blicken noch böser drein. Alles verändert sich rasend schnell.
Schaut man sich die neue BMW R 1150 RS an, fällt dem ungeübten Betrachter auf, dass sich der Schriftzug verändert hat. Ansonsten wirkt die Sporttourervariante der 4V-Boxerfamilie ähnlich der schon seit 8 Jahren gebauten 1100er Version. Was ist denn nun wirklich anders? Schließlich entwickeln die Bikebauer in Fernost doch auch Jahr für Jahr ihre Modelle etwas um. Sind die bei BMW da so erzkonservativ, dass Ihnen nichts neues mehr einfällt?

Ich beschäftigte mich einige Zeit mit der 1100 RS, las darüber, fuhr sie - und fand, dass sie, wenn sie für ihre Zwecke und Zielrichtung genutzt wird, genau das richtige Bike ist. Es geht ums zügige Tourenfahren, um einen schnellen Strich über Landstraßen zu ziehen oder um gemütlich dahin zu dümpeln. Das sind in erster Linie die Einsatzbereiche, für die die RS konzipiert wurde. Und da war sie erste Sahne. Warum also etwas Bewährtes und Gutes total umbauen?

Der R 1150 RS konnte ich über knapp drei Wochen auf den Zahn fühlen. Die Maschine wurde mir dankenswerterweise vom BMW-Werk zur Verfügung gestellt.

Wie immer, wenn ich meine Testmaschinen in München hole, versteckt sich der weiß-blaue Himmel hinter dicken dichten Regenwolken. Es ist wie ein Komplott, denn ich kam beim Abholen von Testmaschinen bisher noch nicht trocken nach Hause. Egal. So kann das jeweilige Bike gleich zeigen, wie es mit dem Wind- und Regenschutz gestellt ist.
Auf der Autobahn fällt mir als erstes auf, dass innerhalb kürzester Zeit meine Handschuhe tropfnass sind. "Und das trotz so viel Plastikverschalung", denke ich mir verärgert. Ansonsten kann ich jedoch kaum klagen. Der Windschutz ist klasse.

Die Scheibe lässt sich wie bei der RS gewohnt über eine Art Handrad hoch- und runterdrehen. Die Idee der verstellbaren Scheibe ist echt in Ordnung. Nur stört, dass ich mich weit nach vorne strecken muss, um den Verstellgriff zu betätigen. Die Folge der Aktion ist, dass mein Ärmel aus der Handschuhstulpe herausrutscht, wodurch Wind und Regen freien Zugang ins Ärmelinnere bekommen. Das nervt. Ich denke an die R 1150 RT, wo ich die Aktion einfach per Knopfdruck durchführe, und frage mich, warum dieses Feature in die RS nicht übernommen werden konnte. Der Preis der Maschine würde es jedenfalls rechtfertigen, dass man statt der windigen Verstellkonstruktion eine solide und komfortable Lösung vorfindet. Ein mir unverständlicher Umstand, vor allem, weil dies die japanischen Modelle dieses Einsatzsegmentes à la Yamaha FJR 1300 etc. schon serienmäßig umsetzen.

Ein paar Tage später endlich trockene Straßen und angenehmere Temperaturen. Die gut wärmende Griffheizung kann außer Aktion bleiben. Ich habe mittlerweile alle drei Sitzhöhen ausprobiert und mich für die unterste entschieden, da ich die Maschine so am handlichsten finde. Fränkische und schwäbische Landstraßen sind nun mein Revier. Auf meiner Teststrecke lote ich die Schräglagengrenzen aus und bin positiv überrascht, wie weit die RS umgelegt werden kann, bis die Rastennippel aufschleifen. Da ist echt viel Freiheit. Das bedeutet, dass das Kürzel "S" im Namen nicht ganz zu unrecht enthalten ist. Sportliches Fahren ist mit der RS wirklich möglich. Klar, dass man sich mit einer 9er Ninja nicht unbedingt anlegen braucht. Das ist eine andere Klasse. Aber für eine richtig zügige Waltz hält die RS in jedem Fall her.
Der Motor bietet schon von weit unten her mächtig Druck an. Ab 5000 Umin wird er dann noch richtig munter und drehfreudig, bis er kurz vor dem roten Bereich zäh und müde zum Hochschalten ermuntert. Das Getriebe mit seinen sechs Gängen unterstützt einen flotten Strich, wenn man den als E-Gang ausgelegten sechsten Gang unbenutzt lässt. Hier zieht die BMW leider nicht mehr so ganz die Wurst vom Brot. Schade eigentlich, da ein Getriebe wie in der 1100 R mit "normalem" sechsten Gang den Spaßfaktor in jedem Fall erhöhen würde. So bleibt man in den unteren fünf Gängen. Macht auch Spaß, wenn man sich dran gewöhnt hat.
Störend ist das brummende Vibrieren, das die 1150 RS im Vergleich zu allen anderen 1150ern von BMW am stärksten zeigt. Das kann dann auf längeren Touren schon mal auf die Nerven gehen. Ansonsten nimmt man es halt in Kauf.

Handling/Fahrwerk
Das Handling konnte mit besser abgestimmten Federbeinen vorne wie hinten leicht verbessert werden. Vorne wie hinten ist die Dämpfung einstellbar. Hinten zudem die Federvorspannung mittels komfortablem Handrad. Das finde ich nach wie vor klasse. Für mich ein großer Pluspunkt, vor allem, was die Sicherheit anbelangt. So stellt man die Feder schon eher auf die tatsächliche Gewichtsbelastung ein.
Das Handling wird durch die Serienbereifung (Metzler MeZ4) etwas zäh. Ich denke, dass hier Bridgestones z.B. BT 056 o.ä. bessere Dienste leisten würden. So muss die Maschine immer mit etwas Nachdruck in Schräglage gebracht werden. Durch den in Gummi gelagerten Lenker bleibt die Zielgenauigkeit leider auf der Strecke. Man muss bei zügiger Fahrt mit 120% Konzentration unterwegs sein, um seine angestrebte Linie auch wirklich zu fahren.
Es erfordert etwas Übung. Dann aber kann die Kuh wirklich richtig schnell bewegt werden. Eine 9er fährt zwar immer noch davon, muss am Zielort aber nicht lange warten, bis die Kuh eintrifft.

Ein Problem hatte ich in satten Schräglagen kurz vor bzw. beim Aufsetzen mit den Nippeln bei schneller Fahrt, indem die BMW über beide Räder gleichzeitig schiebend den Kurvenradius vergrößerte. Nicht vehement, nicht plötzlich einsetzend, sondern langsam, aber durchaus spürbar. Ich denke jedoch, dass es sich hier um ein Reifenproblem handelt.

Für die große Tour ist die RS wie geschaffen. Man sitzt vorbildlich in straff gepolsterten, sauber ausgeformten Sitzen, die dem Hintern auch nach langer Sitzdauer noch schmeicheln können. Das Fahrwerk bügelt das Gros an feinen Unebenheiten einfach weg ohne dabei latschig zu wirken.

Die Bremsen
Sicher wirken die Bremsen. Wie in den anderen Modellen wurde auch in der R 1150 RS die EVO-Bremse verbaut. Optional mit ABS und elektronischem Bremskraftverstärker, wirkt der Handbremshebel auf alle Bremssättel vorne wie hinten. Mit dem Fuß betätige ich ausschließlich die hintere Bremse.
Bremskraft ist verdammt viel vorhanden, wenn ich mit der Hand den Hebel anziehe. Anfangs viel zu viel. Das unvermittelt einsetzende Kraftbremsen stört anfangs viele Linien. Der Fahrstil muss dem Moppett angepasst werden. Nach kurzer Zeit habe ich meist den richtigen Speed für die Kurven, so dass ich nicht weiter mit der Bremse korrigieren muss, denn die Feindosierung erfordert viel Fingerspitzengefühl und ist in manchen Situationen schier unmöglich. Das ist jedoch eine Erschwernis, die nach meiner Testerfahrung bremsenspezifisch alle mit dem System ausgestatteten BMWs haben. Da ist sicherlich Nachbesserung notwendig.

Insgesamt jedoch ist die BMW R 1150 RS ein Motorrad für viele Gelegenheiten. Dank dem guten Licht werden Dunkelfahrten nicht zum Blindflug. Die Instrumente sind einfach und klar ablesbar. Das Fahrerinformationsdisplay gibt Auskunft über Uhrzeit, eingelegtem Gang, der Öltemperatur und den momentanen Tankinhalt. Die Lenkerstummel sind einstellbar, so dass die Sitzposition weitgehend den körperlichen Erfordernissen angepasst werden kann.

Fazit:
Es muss nicht immer gleich alles total verändert werden, wenn Entwicklung stattfinden soll. Die schon gute 1100er RS konnte nicht nur durch den Schriftzug verbessert werden. Sie ist auf dem aktuellsten Stand der BMW-Technik und rundum ein klasse Motorrad, wenn auch mit einigen Makeln. Für zügige Tourenfahrer gehört sie jedenfalls mit zur ersten Wahl.