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Fahrbericht zur BMW R1150R
(Stand: 07/2001)

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, M. Bauer
         
Weiß-blaue Kräder aus der Boxerschmiede in München sorgten schon immer für Gesprächsstoff. Und die Modellpalette beinhaltete von Anfang an unverkleidete Modelle, die seit dem Ansturm japanischer Bikes auf den deutschen Markt schließlich immer mehr belächelt wurden. Fahrstuhleffekt und Boxerschütteln ließen vor allem junge Käufer auf leistungsstarke Japaner umsteigen. Mittlerweile sind die Motorräder aus München wieder beliebt und gerne gefahren, was die aktuellen Zulassungszahlen eindeutig belegen.

Einen nicht geringen Anteil daran haben die nackten Boxer. Modelle wie die R 80/100 R und die R 850/1100 R fanden Liebhaber in Kreisen der Tourenfahrer, die die Wartungsfreundlichkeit und Zuverlässigkeit der Maschinen zu schätzen wussten. Wer diese Maschinen fuhr, merkte schnell, dass sie auch für einen flotten Strich taugten. Vor zwei Jahren fühlte ich der R 1100 R auf den Zahn während einer Tour durch die Schweiz. Nun galt es, zu testen, ob die Veränderungen am neuen Modell wirklich Verbesserungen brachte.

Ein Sonderfall. Ich hole die Testmaschinen in München ab - und die Sonne scheint. Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Edel sieht sie aus, wie sie da in ihrem Metallic-Rot vor mir steht und mit funkelnden Cromapplikationen zu mir rüber blinzelt. Die Gesamterscheinung wirkt von der Seite graziler, das Heck wurde etwas feiner strukturiert, die Fünf-Speichen-Felgen verleihen der Maschine sportliche Eleganz. Lediglich der vordere Kotflügel scheint irgendwie nicht ins Designkonzept zu passen und sieht aus wie ein überflüssiger Knubbel, der jedoch von vorne betrachtet aerodynamische Aufgaben hat. Er sorgt für Abtrieb und für Luftführung zu den seitlich am Tank angebrachten Ölkühlern.

Die Veränderungen
Die bei der 1100er gleich über den Zylindern angebrachten Ölkühler wanderten seitlich an den Tank. Eine spezielle Verkleidungskonstruktion gewährleistet den für die Kühlung notwendigen Luftdurchsatz. Der angenehme Nebeneffekt für kühle Tage sind warme Knie, da die warme Luft über die Knie geleitet wird. Problematisch wird es bei 30° C im Schatten, da man bei zügiger Fahrt zusätzlich zur allgemeinen Hitze noch die heiße Luft der Kühler abbekommt, was ganz schön schweißtreibend sein kann.

Die wirksamste Veränderung dürfte der bewährte Antriebsstrang sein, der von der Schwester R 1150 GS fast komplett übernommen wurde. Bis auf Zylinderköpfe und Kurbelwelle, die noch von der 1100 R stammen,sind die Teile deckungsgleich. Folge: 1130 ccm mit etwas mehr Drehmoment, fünf muntere Pferdchen mehr, ein sechster Gang - wahlweise als verlängerter Overdrive und eine Menge Fahrspaß.

Aufpreispflichtig ist der Einbau des neu entwickelten Integral ABS. Der Handbremshebel steuert gleichzeitig Vorder- und Hinterrad an, wobei eine Steuerelektronik für jedes Rad einen Bremskraftverstärker aktiviert, die Bremskraftverteilung für Vorder- und Hinterrad übernimmt und bei Bedarf das ABS einschaltet.

Neben der hydraulisch betätigten Kupplung erhielt die 1150 Roadster nun einen Rohrlenker, der den Fahrer etwas mehr nach vorne gebeugt sitzen lässt. Er ist breiter als die alten Lenkerhälften, was dem Handling zugute kommt. Die angebrachten Spiegelausleger wuchsen nun auch, so dass der rückwärtige Verkehr statt der Ellenbogen gesehen wird.

Vorne erleichterten die BMW'ler den A-Lenker des Telelevers und verbauten ein in der Zugstufe einstellbares Federbein von Showa.



Auf die Piste
In München dirigiere ich die R auf die Ostumgehung. Es dämmert mittlerweile, die Luft ist klar und wird langsam kühl. Positiv nehme ich die warmen Knie zur Kenntnis. Das gefällt mir, wenn für den Fahrer mitgedacht wird. Mir fällt sofort der implantierte Drehmomentzuwachs auf. Der Motor packt praktisch ab Standgas kräftig an und beginnt ab ca. 2500 Umin richtig massiv zu schieben. Bei gut 5500 Umin gelangt er mit 105 NM an seinen Drehmomentzenit, wobei er bis gut 7000 Umin noch willig dreht. Danach zeigt er sich eher zäh.

Auf der Autobahn habe ich mit ungefiltertem Winddruck zu tun. Ohne Scheibe gibt es praktisch keinen Windschutz. Liegend schaffe ich mit Koffern knapp 200 km/h. Doch das Getöse lässt mich schnell wieder auf 150 Sachen runtergehen. Das ist erträglich, das Genick wird noch nicht steif. Und ich komme vorwärts. Ich merke, wie die R im sechsten Gang immer noch satt abziehen könnte, wenn ich es ihr auftragen würde.
Mittlerweile ist es dunkel geworden. Die präzisen analogen Instrumente sind klar ablesbar. Der Chromscheinwerfer leuchtet die Fahrbahn bis an den Rand gleichmäßig und hell aus. Das Fernlicht lässt kaum Wünsche offen.
Fahrwerksmäßig lässt die Roadster keinen Zweifel aufkommen, dass den Konstrukteuren eine Synthese aus Komfort und Sicherheit gelungen ist. Das ist es, was 1150 R - Fahren ausmacht: Draufsetzen und sich wohlfühlen. Ich muss mich nicht erst an Eigenheiten der Maschine gewöhnen - na ja - kaum. Eigentlich ist sie wirklich absolut unkompliziert zu fahren. Will man es jedoch mit ihr mal sportlich krachen lassen, zeigt sie recht schnell an, dass die Schräglagenfreiheit serienmäßig nicht allzu üppig bemessen ist. Die Angstnippel der Rasten setzen leider schon sehr früh auf. Ich schraubte sie mit dem hochwertigen Bordwerkzeug einfach heraus mit dem Ergebnis, dass ich nun einen wirklich flotten Strich über die hiesigen Landsträßchen ziehen kann, ohne kratzen zu müssen.

Das Boxeraggregat ist stets antrittsbereit und drückt zwischen 2500 - 7000 Umin deftig nach vorn. Ein richtiges Spaßgerät, mit dem ich längere Touren ebenso leichtfüßig hinter mich bringe wie den zügigen Nachmittagsritt über die Hausstrecke. Hier zeigt die Roadster mir noch einige Teile, die sie bei virtuoseren Schräglagen in Bodenkontakt bringt. Die unteren rechtwinkligen Ecken des Hauptständers zeigen nach einigen Fahrten über die Hausstrecke ebenso Kratzer wie die Fußrasten und der Fußbremshebel. Das hört sich verwegen an, doch bleibt die R in allen Situationen wirklich sicher und spurtreu in der gewählten Linie. Auch Unebenheiten könnenn sie in Schräglage nicht aus der Ruhe bringen. Das wirkt überzeugend.

Ich denke, dass die Leichtfüßigkeit der Roadster durch die Verwendung von Bridgestone-Pneus sicher noch gesteigert werden könnte. Die zum Testzeitpunkt serienmäßigen MEZ 4 haften zwar gut, doch sind sie nicht als Handlingswunder bekannt.

Zu zweit mit Gepäck ist das hintere Federbein überfordert. Es gibt keine Einstellung, die das Durchschlagen verhindert. Dieses Phänomen ist mir jedoch auch von anderen BMW-Modellen bekannt. Anscheinend sind hier noch nicht die für den Sozius-Tourenbetrieb optimalen Federbeine zum Einsatz gekommen. Die Maschine wirkt voll beladen am Hinterrad nicht mehr so stabil, wie sie es mit einem Tauschfederbein von WP oder Öhlins sicherlich noch sein könnte. Das heißt aber auch nicht, dass sie schlonzig dahin schaukelt. Nein. Man kann voll beladen mit der Roadster gut und komfortabel auf Reisen gehen. Nur sollte man auf hoppeligen Sträßchen etwas vorsichtiger zur Sache gehen, da es hier und da schon mal zum Durchschlagen kommen kann. Zudem setzt der Hauptständer extrem früh auf. Das ist auch schon alles, was den Fahrgenuss etwas trübt.
Ansonsten können Fahrer und Sozius die Fahrt voll genießen. Die Sitzpositionen passen, die Polster lassen lange Etappen zu, ohne dass man sich Rückenschmerzen oder einen Wolf zuzieht.
Für das Gepäck ist vorbildlich gesorgt. Die Tourenkoffer sind zwar innen stark ausgebuchtet, doch fassen sie einiges an Gepäck und halten es wasserdicht. Der serienmäßige Tankrucksack könnte ein etwas größeres Kartenfach haben. Ansonsten ist er voll tourentauglich mit serienmäßiger Regenhaube. Und der Gepäckträger kann leicht noch ein Topcase bzw. die große Rolle tragen.

Auffällig an meinem Testexemplar ist, dass es nicht ruckelt. Ich hab nun schon genügend Vierventil-Boxer getestet. Und ich hatte bisher noch keinen, der nicht mit dem berüchtigten Konstantfahrruckeln aufwartete. Die Roadster ist die erste 4-V-Boxer-Q, die nicht ruckelt. Ich weiß nicht, ob das an der Roadster liegt oder ob das einfach nur Serienstreuung ist. Jedenfalls scheint sicher zu sein, dass es schon ab Werk doch auch ohne dieses lästige Ruckeln geht.

Die Bremsen der Roadster scheinen auch von besonderer Art zu sein. Die anderen Modelle, die ich mit der neuen Evo-Integralbremse fuhr, waren in der Bremskraft erste Sahne, jedoch in Sachen Feindosierung eher schwach. Geringfügige, feine Geschwindigkeitskorrekturen waren kaum möglich. Die Bremsen bissen immer heftiger zu als erwünscht. Die Roadster hingegen lässt diese Feindosierung in beachtlichem Maße zu. Diese Bremse empfinde ich zum Touren und zügigen Landstraßenroadstern fast perfekt. Das "fast" kommt vom ABS, dessen erste Intervalle vom Öffnen bis zum erneuten Zupacken für mein Empfinden zu lang sind. Ansonsten ist die Bremseinheit der Roadster über jeden Zweifel erhaben. Zu beachten ist nur, dass ohne Zündung die Bremskraftverstärker keinen Dienst verrichten und für den Lenker nur eine Restbremsfunktion bleibt, die einen langen Leerweg und vor allem eine hohe Handkraft bedingen. So ist es ratsam, auch zum Rangieren oder Schieben die Zündung eingeschaltet zu lassen.
   
Fazit:
Die R 1150 Roadster ist ein rundum agiles Spaßmotorrad für Leute, die sich gerne den Wind um die Nase wehen lassen und auch Sicherheit mit Komfort zu schätzen wissen. Mit der Roadster hat man in jedem Fall ein Motorrad, das für viele Einsatzgebiete taugt. Trotz der meiner Meinung nach etwas zu geringen Schräglagen- und Bodenfreiheit lässt die R keinen Zweifel an ihren durchaus agilen Handlingseigenschaften, die durch den kraftvollen Druck des nun erstarkten Boxers ergänzt werden und die R zu einen Wohlfühlgerät für Tour und Hausstrecke werden lassen.