Fahrtest mit der BMW R 1100 S Boxer Cup Replika
(Stand: 07/2004)

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn


Die Zeit vergeht. Vier Jahre ist es bereits her, als ich die BMW R 1100 S im Test hatte und mit ihr gleich noch ein Fahrertraining auf dem Hockenheimring absolvierte. Ich war richtig begeistert von dem Motorrad. Alles passte wunderbar zusammen. Sitzposition, Fahreigenschaften, Alltagstauglichkeit. Und für einen richtig flotten Strich war nicht nur auf dem Hockenheimring gesorgt.

Auf der Rennstrecke in Brünn konnte ich nochmals das Potenzial der Maschine begutachten, als mir kein geringerer als Peter Öttl auf seiner Boxer Cup Maschine per Einzelinstruktion die Ideallinien und Bremspunkte zeigte.

Die Replika 2004 wird von BMW als zusätzliche Ausstattungsvariante der R 1100 S angeboten. Sie mutet sehr sportlich an. Die dreifarbige Lackierung wirkt mitsamt der Sponsoraufkleber als Blickfang. Selbst hartgesottene Speedfahrer und Lenker hochmotorisierter Japanbikes gönnten sich an diversen Motorradtreffs mehrere Sightseeingrunden um die BMW, worüber ich mehr als überrascht war. Schließlich gilt die 1100 S in dieser Klasse eher als absolut untermotorisiert. Optik zählt heute also immer noch.

Als weitere Modifikationen spendierte man der Replika einen Satz Laser Endschalldämpfer, Carbonschutzhauben auf den Ventildeckeln und ein Sportfahrwerk mit verlängertem Federbein im Heck. Letzteres soll die Schräglagenfreiheit erhöhen, damit die Zylinder nicht so schnell wie bei der normalen S mit dem Asphalt in Berührung kommen.

Als die Testmaschine vom Spediteur entgegennehme, fällt mir gleich das richtig hohe Heck auf. Ich stehe neben der Maschine und frage mich, ob ich mir zu meinen Ausfahrten noch schnell ein paar Plateaustiefeletten kaufen soll, um an den Ampeln sicheren Bodenkontakt zu bekommen. Ich verwerfe den Gedanken ob meiner Eitelkeit und entscheide mich dafür, beim Anhalten darauf zu achten, mit den Rädern nicht zwischen zwei Spurrillen zum Stehen zu kommen. Kurzbeinigere Leser werden sofort wissen, was ich meine;-)

Die Sitzposition wirkt aufgrund des erhöhten Sitzpolsters stark vorderradorientiert. Die Handgelenke müssen mehr Gewicht aufnehmen, was ich bereits im Stand als störend empfinde. Der Druck auf den Startknopf entlässt die Abgase mit sattem und sonorem Boxerbrummeln aus den Lasertöpfen. Der Sound törnt an - und ich finde, dass jede originale Boxer-BMW etwas von diesem Klang ab Werk mitbekommen sollte. Das Ohr genießt schließlich mit.

Mit den Fußspitzen am Boden spiele ich etwas am Gas, bevor ich die Replika durch unsere Siedlung bewege. Ist schon echt klasse, dieser Sound. Die Siedlungsstraßen in meiner Gegend sind wellig und klassisches Flickwerk. Jedes kleine Bodenwellchen bekomme ich ungefiltert an Po und Handgelenke weitergeleitet. Sie wirkt hart und knochig und erinnert mit etwas an mein erstes Auto - einem Audi 50, dem ich ein gelbes Koni-Fahrwerk implantierte. Wenn ich danach über ein 5-Mark-Stück fuhr, konnte ich per Popometer erahnen, ob Zahl oder Adler oben lag.

Auf der Landstraße zieht die S im unteren Drehzahlbereich sauber weg und vibriert dabei boxertypisch. Nur fällt es mir mehr auf, da mich die stärker belasteten Handgelenke die Motorvibrationen in größerem Maß spüren lassen. Auf der Landstraße ist das kein Problem mehr. Der Fahrtwind entlastet trotz gutem Windschutz.

Endlich komme ich in meine Testregion, wo ich mittlerweile jeden Winkel und Straßenbelag kenne. Die Replika darf endlich zeigen, ob die Umbauten ein echter Gewinn für die R 1100 S sind. Doch zuvor stoppe ich und stelle die hintere Feder mit dem Handrad fast komplett auf die weichste Stufe. Sie ist mir einfach zu hart und dadurch zu unruhig. Vorne passt die Werkseinstellung soweit, nur die Zugstufe öffne ich etwas.

Jetzt tauche ich ein in die wunderbaren fränkischen Straßen dritter Gattung. Der wellige Belag lässt die S noch immer leicht unruhig erscheinen. Ich habe das Gefühl, dass die Replika bei forscher Fahrweise mehr Konzentration und Lenkkorrekturen erfordert. Zudem muss ich für satte Schräglagen und schnelle Richtungswechsel mehr Kraft aufbringen als mit der "einfachen" S. Die Ursache darf sicherlich im 180er Hinterreifen gesucht werden. Es fehlt mir die fahrerische Gesamtharmonie, wie ich sie von der Basis-S in Erinnerung habe. Da musste ich nicht viel am Fahrwerk verstellen, dass es passte. Dieses Gefühl stellte sich während der gesamten Testzeit nicht ein. Ich konnte mich immer nur dem Optimum nähern, es jedoch nicht erreichen.
Das heißt natürlich nicht, dass die Boxer Cup Replika ein schlechtes Fahrwerk habe. Sie liegt wirklich satt und sicher auf der Straße. Es dauert mir nur zu lange, bis ich richtig Vertrauen habe und sie auch sportlich fliegen lasse. Sie wirkt unruhiger, die Handgelenke müssen mehr Stöße verdauen und beginnen auch schon mal zu schmerzen. Das kannte ich bisher nicht von BMW-Motorrädern, dass ich bei Ausfahrten immer wieder mal meinen Arm ausschütteln und die Handgelenke lockern musste.

Dennoch kommt nach einiger Zeit gegenseitigen Kennenlernens richtige Fahrfreude auf. Schließlich ist und bleibt die Basis die R 1100 S. Der Motor zieht unterhalb von 5800 U/min sauber aus den Ecken und drückt saubere Leistung ab. Drüber wirkt er baubedingt etwas zäh.

Es macht Spaß, mit der Replika den Sportec M1 so warm zu fahren, dass er in manchen Kurven eine schwarze Linie hinterlässt. Das geht auch mit einer Boxer S und ist nicht hochmotorisierten Sportlern aus Japan oder Italien vorbehalten. Aber man muss die S dann schon richtig treiben - ja fast quälen, um in einer solchen Gruppe beim Landstraßengasen mithalten zu können.

Positiv empfinde ich von Anfang an die Bremsen der Replika. Ich ziehe die "normale" Bremse der Variante mit elektronischer Bremskraftverstärkung vor. Zwar benötige ich eine relativ hohe Handkraft, doch stimmt hier die Feindosierung, die die Bremsanlage mit elektronischer Bremskraftunterstützung stark vermissen lässt. Keine unangemessene Bremsattacken beim feinen Korrekturbremsen in Schräglage, die die Linie stören. Da ist alles wunderbar im grünen Bereich. Und bei Bedarf kann die Replika dennoch kraftvoll und sicher verzögert werden.

Fazit:
Die Boxer Cup Replika stellt ihre Sportlichkeit auch optisch in den Vordergrund. Auf der Landstraße kann sie gegen die Basis jedoch kaum punkten. Der Käufer muss für sich selbst abwägen, ob er bereit ist, den saftigen Aufpreis zu zahlen. Schließlich muss man über 13000.- Euro übrig haben, um sich eine R 1100 S mit sportlichem Zubehör zu kaufen, mit einem Zubehör, das die Maschine ohne Frage durchaus rennstreckentauglicher macht als die Basisversion. Wer das möchte, wird mit der Boxer Cup Replika sicher gut bedient sein. Sie ist kompromissloser als die Basis, nicht aber unbedingt besser.