Fahrbericht mit der BMW K1600GT
Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Tom Rueß

(In Italien unterwegs mit der BMW K1600GT ... zum Tourbericht -->)

BMW K 1600 GT

Es ist April. Der Speditionsfahrer stellt mir eine lichtgraue Luxusmaschine vor die Tür – die seit 2011 erhältliche BMW K1600GT. Lange schon war ich auf dieses Motorrad gespannt. So steht vor mir ein Bolide mit 330 Kilo Leergewicht. Die Maschine wirkt beim ersten Hinsehen gewaltig, beim zweiten Hinsehen etwas sportiver. Die BMW K1600 GT tritt mit ihrer noch komfortableren Schwester K1600 GTL die Nachfolge der BMW K1300GT an. Ähnlichkeiten sind auf den ersten Blick wahrnehmbar:
Die Zylinderbank ist um 55° geneigt. Wie die Vierzylinder-GT hat auch die Sechszylinder-GT einen Alu-Brückenrahmen. Das Vorderrad wird per Duolever geführt. Das Hinterrad sitzt an der Paralever-Kardan-Einarmschwinge. 

Der Reihen-Sechszylindermotor ist quer eingebaut. Ein Konzept, das in den achtziger Jahren bereits von Honda oder Kawasaki verfolgt wurde. Jedoch mit geringem Erfolg. Die Maschinen waren sehr schluckfreudig. Auch hier will BMW einen neuen Weg einschlagen. Trotz großem Hubraum und sechs Zylindern soll die K1600 GT mit geringem Spritverbrauch aufwarten.

Vor der ersten Ausfahrt beschäftige ich mich mit den verbauten Ausstattungsmerkmalen. Ich finde folgende Nettigkeiten vor:
  • Eine elektrisch verstellbare Frontscheibe
  • Tempomat
  • MP3-Radio-Bluetooth-Soundanlage
  • 5-stufige Heizgriffe
  • Sitzheizungen für Fahrer und Sozius getrennt regelbar
  • Adaptives Kurvenlicht
  • Xenon-Abblendlicht
  • ESA … Elektrisch verstellbares Fahrwerk
  • Zentralverriegelung für Koffer und Staufächer
  • Funkfernbedienung für Alarmanlage und Zentralverriegelung
  • ABS
  • Anti-Schlupf-Regelung
  • Luftdruckkontrolle im Display
Mittels Funkfernbedienung entriegel ich die Zentralverriegelung. Im rechten vorderen Staufach befindet sich der Anschluss für den USB-Stick. Ich schließe meinen USB-Stick, der mit MP3 gefüllt ist, an den Stecker an. Alternativ könnte ich auch einen iPod anschließen.

Ich schalte die Zündung ein. Die sehr gut ablesbaren Rundinstrumente fahren hoch zum Maximalwert und wieder auf 0. Zwischen den Instrumenten befindet sich ein großes, sehr gut ab lesbares Infodisplay. Nach umfangreichem Studium bin ich in der Lage, detaillierte Informationen über den Zustand der Maschine abzurufen. Des weiteren schalte ich mich durch mehrere Menüs, um Einstellungen an Fahrwerk, Heizgriffen, Sitzheizung und Soundanlage vorzunehmen. Für den Motor wähle ich den Modus „Dynamik“, da ich die volle Leistung abrufen möchte bei der nun kommenden Fahrt.
Jetzt möchte ich auf Tour gehen. Ich starte und bin überrascht über den aggressiv wirkenden Sound, der aus den beiden 3-löchrigen Schalldämpfern von entschwindet. Eine kleine Gasbewegung, und der Motor giert nach Drehzahlen. Das hört sich an wie ein Dreier BMW mit illegalem Sportauspuff.
Ich muss auf engstem Raum wenden. Dabei spüre ich das hohe Gewicht. Wenn die Maschine etwas aus der Balance gerät, muss ich mich mit Kraft dagegen stemmen. Beim Umwenden stört mich, dass ich die Kupplung schlecht dosieren kann. Zudem habe ich bei leichtem Gasgeben keine lineare Drehzahl. Entweder habe ich zu viel Gas anliegen oder der Motor stirbt fast ab. Das macht sehr langsames Fahren zu einer Herausforderung.

Dann aber kommt der Genuss. Ich bewege mich raus auf die Landstraße. In der Sound Anlage brüllt Ramstein „ich will mehr“, was meiner Bedürfnislage entspricht.
Ich habe Termin mit Tom, um die Fahrfotos zu erstellen. Auf dem Weg zur Fotokurve habe ich etwas Zeit, mich an dieses riesige Motorrad zu gewöhnen. Ich bin überrascht, wie einfach dieses Motorrad zu fahren ist. Mich fasziniert, wie direkt und kräftig der Motor anpackt. 175 Newtonmeter maximales Drehmoment sind eine Bank. Da geht gehörig was ab. Im ersten und zweiten Gang kann ich ohne Probleme das Vorderrad steigen lassen. Der Abzug ist gigantisch. Der Sound betört. Ich bin total begeistert und ziehe am nicht vorhandenen Kabel. Der Gasgriff gibt seine Befehle an einen Elektromotor, der eine zentrale 52er Drosselklappe steuert. Lange Ansaugschnorchel versorgen die sechs Zylinder mit Brennbarem.
Bis 5000 U/min höre ich ein deutliches Hummelsummen, darüber beginnt der Motor zu schreien und giert wie eine kleine 600er nach Drehzahl bei steigender Schubkraft. Bei 8500 U/min macht der Drehzahlbegrenzer dem Schauspiel ein jähes Ende.

Die BMW schiebt derart kraftvoll, dass ich das Gefühl bekomme, auf einem Supersportler zu sitzen. Das Ganze untermalt eine röhrende Klangkulisse, die mir das Lächeln ins Gesicht treibt. Fast linearer entwickeln sich Drehzahl und Beschleunigung. Würde ich nicht die vielen Knöpfe, das riesige Display, die hohe Scheibe sehen und die MP3-Beschallung hören, könnte ich mich bei diesen Beschleunigungsattacken auch auf einem deutlich sportlicheren Motorrad, nicht aber auf diesem Luxusdampfer wähnen.

Die Fotos sind im Kasten. Sehr schnell kann ich die Maschine bis auf die Fußrasten in Schräglage bringen. Das geht total einfach. Die BMW weist ein sehr leichtes Handling in Verbindung mit einer stoischen Stabilität auf. So einfach, wie ich sie in Schräglage bringe, so klar und stabil behält sie ihre Linie. Das schafft Vertrauen, gibt ein Gefühl von Sicherheit. Und ich merke, wie ich mich auf der Maschine immer mehr wohlfühle.

Die kräftige Bremsanlage ist der Maschine in allen Geschwindigkeitsbereichen gewachsen. Auch im engagiert-sportlichen Betrieb weist die halbintegrale Kombibremse keine Schwäche auf. Sie könnte feiner dosierbar sein. An der Bremskraft gibt es nichts zu bemängeln. Sie greift derart vehement, sodass ich das Gefühl habe, Riefen in den Asphalt zu fräsen. Dabei greift das ABS erfreulich spät ein. Die Bremswege bleiben kurz – ein großes Sicherheitsplus.

Der Komfort … auf Tour
Dafür ist diese Maschine eigentlich gebaut. Es gibt aktuell auf dem Markt keine Maschine, die mehr Zubehör an Bord hat. Bis auf Duschen, föhnen, Kaffee kochen ist alles dabei. Die Sitzposition lässt lange Etappen zu. Ich sitze aufrecht mit sehr angenehmem Kniewinkel. Der Fahrersitz ist in der Höhe verstellbar. Insgesamt finde ich eine nahezu perfekte Ergonomie vor. Auch der Soziusplatz bietet perfekten Sitzkomfort.

Das Wetter zeigt sich auf mehreren Touren launisch. Es ist April. Die BMW K1600GT ist wie ihre luxuriöse Schwester auf alles vorbereitet. Ist es warm, klappe ich rechts und links die Finnen aus. Dadurch strömt kühlende Luft direkt auf meinen Körper. Beginnt es zu regnen, fahre ich die elektrisch stellbare Scheibe ganz nach oben. So bin ich weitgehend vor Nässe geschützt. Wird es dazu noch kalt, wärmen die Heizgriffe wirkungsvoll meine Hände. Die Sitzheizung tut ihr übriges für mein Wohlbefinden.

In den geräumigen Koffern findet sich viel Platz. Also ab auf die Piste. Ich cruise mit Sozia über Land. Die meiste Zeit fahre ich im sechsten Gang. Der Sechszylindermotor ist ein Meister der Elastizität und Seidigkeit. Selbst aus niedrigsten Drehzahlen zieht er mühelos weiter. Kein Wunder, denn schon bei 1500 Umdrehungen/min liegen 125 Newtonmeter. Das gibt ein Gefühl von Souveränität. Es herrscht Kraft im Überfluss. Schön zu wissen, dass sie immer und sehr direkt abrufbar ist.

Untermalt von angenehmer Musik gleiten wir über die schwäbische Alb. Viele werden jetzt sagen, dass man so etwas nicht braucht. Das stimmt! Aber es macht mir Spaß. Und darum geht es doch beim Motorradfahren. Bevor jemand darüber lästert, sollte er es ausprobieren. Aber das nur am Rande.

Die verbauten Reifen von Metzeler vom Typ Z8 interact, am Hinterreifen mit der Sonderkennung C, überzeugen auf der ganzen Linie. Sie unterstützen die Handlichkeit und Stabilität. Selbst bei einer 1/2-stündigen Vollgasfahrt über die A7 im Tempobereich zwischen 220 und 260 km/h auf nasser Fahrbahn gibt es keine Rutscher.

Die Vollgasfahrt zeigt, dass mit der K1600GT durchaus schnelle Autobahnetappen mühelos gefahren werden können. Mit hoch gestellter Scheibe bekomme ich von den  Geschwindigkeitsstürmen so gut wie nichts mit. Lediglich der Sog nach vorne erfordert durch das verstärkte Abstützen am Lenker etwas Kraftanstrengung auf Dauer.

Die Innovation – das adaptive Kurvenlicht
Ein besonderes Erlebnis ist es, mit der BMW K1600 GT bei Dunkelheit zu fahren. Normalerweise meidet man Dunkelfahrten als Motorradfahrer. Vor allem in Kurven entstehen die dunklen Löcher, in denen man nicht sieht, was die Straße für eine bereithält. Das adaptive Kurvenlicht verhindert diese dunklen Stellen effektiv. Gesteuert durch einen Schräglagensensor schwenkt der Xenonbrenner in die Kurve. Das funktioniert wunderbar bis zur Schräglage von 25°. Und so macht es mit dieser Maschine sogar bei Dunkelheit Spaß zu fahren.
Bei eingeschaltetem Fernlicht habe ich das Gefühl von einem Flutlicht. Taghell und vor allem sehr gleichmäßig wird die Fahrbahn ausgeleuchtet. Mancher Autofahrer wäre froh, ein solches Licht an seinem PKW zu haben.

Oft gefragt, hier beantwortet: und das Getriebe und der Antriebsstrang?
Man hört sie beide. Jeder im näheren Umkreis wird akustisch mitbekommen, wenn man den ersten Gang einlegt. Ein lautstarkes „Klong“ weist darauf hin. Auch das Schalten der anderen Gänge ist immer mit lauteren Geräuschen verbunden.
Selbst die geringen Lastwechsel der BMW spüre ich im Antriebsstrang. Dort scheint es viel Spiel zu geben. So wird Gasgeben – Gaswegnehmen - Gasgeben immer durch klar wahrnehmbare metallische Geräusche aus dem Kardan begleitet. Das muss man einfach hinnehmen.
Sonst gibt es nichts zu meckern.

Fazit:
Einen tollen und innovativen Reisedampfer hat BMW auf die Räder gestellt. Luxus im Überfluss trifft Dynamik und Sicherheit.
Die BMW K1600GT lässt sich einfach fahren. Der neue 6-Zylinder-Motor bringt Laufruhe, Kraft und eine schier unerschütterlich scheinende Elastizität. Das Fahrwerk überzeugt in Komfort und Stabilität. Cruisen oder engagiert flotte Striche ziehen, die K1600GT kann alles. Sie leuchtet bei Schräglage sogar in die Kurve.
Kleines Manko: das laut schaltbare Getriebe und das große Spiel im Antriebsstrang.

Ein nahezu perfektes Motorrad, auf dem sich sehr viele Motorradfahrer sehr schnell sehr wohl fühlen werden.