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Fahrtest mit der aktualisierten BMW K 1200 LT (Modell 2004)

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn

BMW K 1200 LT

Ich kann mich noch genau daran erinnern, als ich eine
BMW K 1200 LT zum ersten Mal sah. Unmöglich fand ich dieses rollende Wohnzimmer. Abgekupfert von den amerikanisierten Gold Wings. Da kann ich doch gleich mit dem Auto fahren. Wenn ich Motorrad fahre, möchte ich Spaß haben.
So könnte die Lästerpalette weitergehen, für deren Ergänzung ein wirklich großer Teil der gesamten Motorradfahrer sorgt. Leider traf ich bisher noch keinen lästernden Bikegenossen, der ein Motorrad von diesem Schlag auch schon mal selbst gefahren hat. Aber das ist ein anderes Thema.

Richtig ist, dass die K 1200 LT aus München einen Überfluss an Annehmlichkeiten suggeriert, dass die Frage nach deren Sinn auf einem Motorrad durchaus gerechtfertigt zu sein scheint. Genau wie die Frage nach dem Sinn, ein Motorrad für den normalen Straßenbetrieb mit katapultähnlichen Beschleunigungswerten und leichtgewichtigen 175 PS auszustatten.

Es sind Extreme des Motorradbaus. Und sie zeigen, was heutzutage in Serie hergestellt werden kann. Es sind die beiden Enden einer Modell- und Imagekette im Motorradbau, die mittlerweile wirklich jeden Schlag von Motorradfahrer zufrieden stellen kann. Genau wie es im Autobau die Extreme spritziger Rennsemmeln und tonnenschwerer S-Klasse-Boliden gibt. Für jeden das seine eben.
Und betrachtet man wissenschaftliche Studien über die Altersstruktur bei Motorradfahrern, stellt sich heute mangels Nachwuchs ein durchschnittliches Alter von 38 Jahren ein. Betrachtet man diese Altersklasse realistisch, so handelt es sich bei der Altersklasse 38 <= X größtenteils um Wiedereinsteiger nach einer Familienpause, die sich in ihrem ersten Bikerleben mit den Bikes der 80er Jahre ausgetobt haben. Diese Hauptaltersgruppe ist nur noch wenig interessiert an Supersportlern. Da steht Tourentauglichkeit, Sicherheit und Haltbarkeit mit einem eventuellen Touch Sportlichkeit an oberster Stelle.
 
Mein Testbericht handelt nun von der absoluten Luxusklasse. Die BMW K 1200 LT ist mit dem K-bekannten liegenden Vierzylinder ausgestattet, der von einer elektrischen Einspritzung genährt seine Abgase durch einen G-Kat entlässt. Dieses Konzept spricht für sich und ist zukunftsträchtig. Und es beschert dem 387 kg leergewichtigen Koloss Spritverbräuche um die 5 Liter Super bleifrei. Das ist einzigartig unter dem Gesichtspunkt meines Fahrstils, der z.T. alles andere als gemütlich bummelnd ist. So erreichte ich einen Maximalverbrauch von 5,4 Litern mit Sozia und Gepäck!

Ich beschränke mich hier auf einige wesentliche Testaspekte, denn die Vielfalt an Ausstattungsmerkmalen und deren Beschreibung würde diesen Bericht auf Buchumfang wachsen lassen.

In Kürze seien die für das aktuelle Modell vorgenommenen Modifikationen genannt:

Die fette K ist nun mit einem rückenschonenden Hauptständer ausgestattet, der per Hydraulikpumpe die Maschine samt aufsitzenden Personen und dem gesamten Gepäck in einen sicheren Stand bringt. Ein wirklich komisches Gefühl, als ich diesen Vorgang per Knopfdruck zum ersten Mal einleite. Ein hohes Summen kündigt den ausfahrenden Ständer an, der am Boden angekommen plötzlich die gesamte Fuhre anhebt und abstellt. Das funktioniert wunderbar einfach und absolut sicher. Obwohl die alte LT sich auch manuell nicht schwer aufbocken ließ, ist diese Knopfdruckgeschichte natürlich wesentlich angenehmer.
Damit man bei Dunkelheit den Boden unter der Maschine für das Aufbocken begutachten kann und man sich anschließend nicht unabsichtlich in einem Haufen die Lederstiefel beschmutzt, leuchten auf jeder Seite ein unten im Fallhöcker integrierter heller Scheinwerfer den Unterboden taghell aus, um dann nach einiger Zeit sanft auszudimmen. Ich war von dem Spektakel bei einem kurzen Halt auf einem dunklen abgelegenen Parkplatz total überrascht worden und staunte nicht schlecht, als ich plötzlich nach dem Abstellen des Motors den Boden unter mir satt beleuchtet betrachtete. Alles ist natürlich wie die Instrumentenbeleuchtung per Helligkeitssensor gesteuert.

Eine geänderte Sitzbank lässt nun eine Sitzhöhe von 170 cm zu, so dass auch kleinere Fahrer als bisher in den Genuss des Boliden kommen können. Zusätzlich lässt sich die Maschine im Stand sicherer halten. Sollte sie dennoch kippen, fällt sie auf die seitlichen Stoßfänger, die die Maschine perfekt vor weiterem Schaden bewahren. Zudem fällt sie dabei "nur" soweit um, dass sie relativ leicht wieder aufgerichtet werden kann. Unglaublich - aber wirklich möglich!

Die Motorleistung wuchs nun auf 116 PS an, die bei 8000 Umin abgegeben werden. Leider erhöhte man nicht den Hubraum und somit das Drehmoment im unteren Drehzahlbereich. Wer schon mal eine 1800er Gold Wing gefahren hat, weiß, wie angenehm es sein kann, mit bulligem Drehmoment einen solchen Luxustourer zu bewegen. Da kommt einfach noch mehr Entspannung beim Fahren auf. Nicht, dass die K 1200 LT lahm wäre. Mit einem Anfangsdrehmoment von 80 NM bei diesem Leergewicht kann ich jedoch keine großen Sprünge erwarten. Sie lässt sich bis ca. 5000 Umin wie eine gut laufende 50 PS Maschine bewegen. Ab der genannte 5000 Umin ist eine spürbare Leistungssteigerung im Vergleich zur Vorversion mit 98 PS zu spüren. Sie wirkt nun auch richtig drehfreudig und belohnt das Hochdrehen des Motors mit richtig gutem Abzug. Mir fehlt jedoch der gleiche Abzug im unteren Drehzahlbereich, der sich sicher nur mit einer Hubraumerhöhung bewerkstelligen lässt. So könnten schnelle Überholmanöver ohne lästiges Runterschalten durchgeführt werden. Ein Gefühl von luxuriöser Souveränität würde sich eindeutiger einstellen.

Die fünf Gänge lassen sich einfach und relativ klar schalten. Getriebeseitig verbaute man nun hochverzahnte Getrieberäder für geräuschärmeren Lauf.

Ein Plus an Fahrkomfort bringt das wegabhängige Federbein am Hinterrad. Es wirkt stabil und bewahrt den Fahrer vor den feinen Unebenheiten. Gleiten ist angesagt. Das ist nichts für Leute, die eindeutige Rückmeldung zur Straße haben möchten. Hier fühle ich mich davon fast entkoppelt. Natürlich lässt sich das Federbein unter der aufgeklappten Fahrersitzbank per Handrad einstellen.
Das vordere Federbein wirkt dagegen nicht ganz so stabil und neigt gelegentlich bei Schlaglöchern oder abgesenkten Bordsteinen zum Durchschlagen. Ansonsten verrichtet es seine Arbeit ohne Tadel.

Das Fahrwerk mit Rahmen wirkt sehr stabil und verwindungssteif. So ist es kein Problem, mit Gepäck und Sozia auf welligen Landsträßchen einen richtig flotten Strich zu ziehen. Gut, die Schräglagenfreiheit ist begrenzt. Doch reagiert die LT beim Aufsetzen absolut neutral und ohne Zucken, so dass man diesen Moment nicht fürchten muss.

Überhaupt bin ich vom leichten Handling dieses Riesenmotorrades überrascht. Es ist ein ganz anderes Fahren. Der Lenkereinsatz kommt bei der K 1200 LT wesentlich mehr zum Tragen. Die fast 1 Meter langen "Lenkerstummel" stellen einen angemessenen Hebel zum Lenkkopf dar, so dass die Maschine samt Besatzung und Zuladung immer sicher und leicht in jede Kurve und mögliche Schräglage ohne großen Krafteinsatz gebracht werden kann. Auch zügige Schräglagenwechsel sind mit der LT kein Problem. Da kamen mir manche Supersportler schon schwerfälliger vor.

Meine Begeisterung für solch dynamisches Fahrverhalten mit einem solchen Riesenbrocken kann ich nicht zurückhalten. Ich beginne, dieses Fahren richtig zu mögen. Schließlich bin ich nicht wesentlich langsamer auf meinen Hausstrecken unterwegs als mit einigen sportlich angehauchten Testmaschinen bisher. Der Unterschied liegt darin, dass ich nicht durchgeschüttelt werde, hinter der elektrisch verstellbaren Scheibe bei geringer Windlautstärke meine Lieblingsstücke der Jazz Kantine hören kann und dabei noch seelenruhig völlig entspannt den Rap-Rhythmus auf den Fußrasten wippe. Das geht mit vier Lautsprechern immerhin bis Tempo 150 bei geöffnetem Visier.
Viele werden sagen, dass sie das nicht brauchen. Ich brauche es auch nicht, aber ich kann es genießen. Das ist der Punkt. Mit der LT kann ich Situationen genießen, die ich mit anderen Motorrädern nicht erleben kann. Und dafür ist sie ja schließlich so gebaut worden und kostet im Vergleich zu einem normalen Motorrad soviel mehr wie ein 760i zum A6.

Was ich mit der K 1200 LT ob ihres hohen Gewichtes öfter einsetze ist der per Drehschalter zuschaltbare Rückwärtsgang. Eine angenehme Einrichtung, wenn ich mich beim Wenden verschätzt habe. Einfach im Leerlauf den Schalter über der linken Fußraste umlegen, den Anlasserknopf drücken - und schon läuft alles rückwärts. Dabei rangiere ich über die Spiegel wie mit einem Lkw.

An Ausstattungsmöglichkeiten besteht bei der K 1200 LT kein Mangel. Bei kühler Witterung empfehlen sich die für Fahrer und Sozia getrennt einstellbaren Sitzheizungen, die sehr gute Arbeit verrichten. Ebenso effektiv arbeitet die Griffheizung. Die Zentralverriegelung bedient per Funkfernbedienung neben dem Gepäcksystem die Wegfahrsperre. Ein optionaler CD-Wechsler erspart das Anhalten zum Wechseln des Tonträgers. Höhenverstellbare Soziustrittbretter steigern den Sitzkomfort für die Sozia so wie die höhenverstellbare Fahrersitzeinheit für den Fahrer. Für's richtige Ankommen sorgt das sauber funktionierende Navigationssystem.
In diesem Stil könnte man weiterfahren. Die gesamte Ausstattungsvielfalt kann man sich beim BMW-Händler einen Nachmittag lang mal zeigen lassen.

Mäkelpunkt ist für mich nach wie vor das Bremssystem mit elektrischem Bremskraftverstärker. Wie in vielen anderen BMW-Modellen überzeugt es zwar mit fulminanter Verzögerungsleistung, ermöglicht jedoch kaum eine Feindosierung der Bremskraft mit den bekannten Folgen. Leider ist es den Ingenieuren in München bisher nicht gelungen, hier effektive Abhilfe zu schaffen.
Das ABS empfinde ich als übersensibel. Die Regelintervalle sind auch im Modelljahr 2004 immer noch zu lang, so dass z.B. auf feuchten Straße mit Bitumenflicken größte Vorsicht angebracht ist. Das ABS öffnet bei einfachen Bremsvorgängen sehr schnell und für meine Empfindung zu lang die Bremsen bis zum nächsten Zupacken. Man hat das Gefühl, trotz betätigtem Bremshebel einige Meter ohne Verzögerung unterwegs zu sein.

Fazit:
Luxus auf zwei Rädern ist Ansichtssache, aber durchaus möglich. Die neue BMW K 1200 LT gewinnt an Dynamik durch den leistungsgesteigerten Motor. Langes Touren kann mit dieser Maschine zum entspannten Vergnügen werden. Wer sich diesen Luxus gönnen kann und will, wird in seinen Bedürfnissen nach Komfort sicher nicht enttäuscht werden. Die K 1200 LT ist ein überraschend agiler und handlicher Luxustourer, dem man sein Gewicht nur im Stand anmerkt. Man ist per neugestalteter Rundinstrumente und Flatscreen über alles informiert, was das Herz begehrt. Seine Sparsamkeit im Kraftstoffverzehr ist richtungsweisend im Motorradbau, ein 4,x-Verbrauch kein Kunststück. Um absolute Perfektion ausstrahlen zu können sollte die Bremsanlage in Feinheiten überarbeitet werden.
So dürfte sich zum Schluss für Interessierte nur die Frage stellen, ob gut 20.000.- Euro für diese gediegenen Ambitionen zur Verfügung übrig sind.