Fahrbericht BMW G 650 GS

Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Tom Rueß



Fast zwei Jahre war sie im Sortiment der Neumotorräder bei BMW verschwunden: die einzylindrige 650er GS. Unverständlicherweise wurde die Single-F650GS im EU-Markt durch eine 800er Twin-F650GS, also der Sparvariante der F800GS, ersetzt. Das verstand damals keiner so richtig. Und es sorgt heute immer noch für Durcheinander in Benzingesprächen.
Vor allem aber stellte sich sehr schnell heraus, dass man sie vermisste. Schließlich war sie ein sehr ausgewogenes Motorrad mit genial niedrigem Spritverbrauch. Ich kann mich an engagiert zügige Fahrten mit ständig ausdrehendem Motor erinnern, der trotzdem nur 3,5 Liter durch seine Einspritzdüsen zog.

Um weiteren Missverständnissen vorzubeugen, werden in Zukunft bei BMW die Einzylindermodelle mit dem Buchstaben „G“ tituliert.

Und da steht sie vor mir – die neue BMW G 650 GS. Vieles ist bekannt aus der alten F 650 GS.

Dennoch wurde einiges geändert:
  • Sie ist vier Kilogramm leichter. Das ergibt sich aus weniger Sprit im Tank und den neu gestalteten Gussrädern.
  • Der Tank wurde zugunsten einer zierlicheren Taille und damit verbesserten Ergonomie beim Stehend-Fahren um 2,5 Liter verkleinert.
  • Neu gestaltete Gussräder ersetzen Speichenräder. Und man dachte weiter und brachte die Ventile seitlich an. So ist die Luftdruckkontrolle kein Gefummel mehr.
  • Neues Instrumentarium mit analogem, sehr gut ablesbarem Tacho und gewöhnungsbedürftig digitalem Drehzahlmesser und einer Art Schaltblitz in Form einer roten LED, die zum Hochschalten mahnt
  • Geänderter Schnabel
  • Geändertes Lampendesign mit den nun üblichen Karl-Dall-Scheinwerfern
  • Der Motor stammt nicht mehr von Rotax, sondern wird nun in China von Loncin gebaut.
  • Verstellbarer Kupplungsgriff
  • Breiteres Hinterrad jetzt mit 140/80er Größe

Ich bin gespannt auf die aktuellste Single-650. Sie wurde für bestimmte Märkte (USA, Spanien, Brasilien, …) und als Behördenfahrzeug weiter gebaut. Daher gibt es Erfahrungswerte über den nun in China gebauten Motor. Laut BMW werden dort die gleichen Qualitätsstandards bei der Montage als auch bei den Zulieferern gesetzt wie hier in Deutschland bzw. der EU.

Nun, die Maschine wirkt wertig wie bisher. Schön der Hauptständer, nicht zuletzt für die Kettenpflege. Gepäcksysteme sind im Zubehör genügend vorhanden, sodass auch die große Reise mit der G 650 kein Problem darstellt. Zudem sind Möglichkeiten zur Reduzierung der Sitzhöhe gegeben.

Der Single springt sofort an, läuft kurz mit ca. 2000 U/min und pendelt sich dann in Leerlaufdrehzahl ein. Wie ein Uhrwerk bollert er leise vor sich hin. Auch ein Merkmal dieser Serie: sie waren schon immer leise, fast schon zu leise für die Ohren mancher Biker.
Erfreulicherweise kann ich den Kupplungshebel 3-fach anpassen in der Weite. Leider vergaß man, auch bremsseitig einen verstellbaren Hebel anzubauen. Den gibt es bei Wunderlich für 50.- Euro. Und den benötigen vor allem Menschen mit kleineren Händen. Zwar steht der Handbremshebel nicht mehr so ellenweit vom Lenker weg wie bei meiner Ur-F650, jedoch muss auch ich noch meine Finger weit strecken, um ihn sauber betätigen zu können.
Dazu kommt der Umstand der Einscheibenbremse vorne. Sie benötigt wie die Bremse der Vorgängermodelle relativ viel Handkraft für kräftige Verzögerungen. Da werden vor allem Bikerinnen mit kleineren Händen sehr schnell bei Wunderlich vorstellig werden, um den verstellbaren Griff zu ordern.

Jetzt ist es dann vorbei mit der Testmeckerei. Die  BMW G 650 GS ist als Gesamtpaket durchaus gelungen. Schon nach den ersten Kilometern fahre ich sie sehr gerne. Jedoch habe ich trotz gleicher Leistungsdaten und einer verkürzten Sekundärübersetzung das Gefühl, sie würde im Vergleich zur Single-F650GS, also zur einspritzenden Vorgängerin, nicht mehr so spritzig durchziehen. Die „Kleine Heike“, eine Bekannte und echte Quälerin und Kennerin aller bisherigen 650er Single-Modellvarianten, fährt ebenfalls nach ihrer Trennung von der F650GS die aktuelle  BMW G 650 GS und spricht mich gleich darauf an, als ich mit meiner Testmaschine bei ihr vorbeikomme. Es ist, als ob der G das letzte Quäntchen Durchzug im Vergleich zur F fehlen würde.
Dennoch bin ich mit der G sehr gut und sehr zügig unterwegs. Bei 4000 U/min vibriert sie um die 100 km/h. Meist bin ich leicht darüber und lenke die G auf Sträßchen 3. Ordnung. Teerflicken wechseln sich mit Auswaschungen ab. Das Fahrwerk schluckt das alles ohne Murren – wie bei der Vorgängerin ebenso. Allerdings wirkt die G durch den breiteren Hinterreifen ausgewogener, sehr handlich, jedoch nie kippelig. Wunderbar harmonierend mit den Metzeler Tourance exp. scheint sie überall auf dem Asphalt zu kleben. Dabei bringen sie auch gröbste Straßenbaubosheiten nicht aus dem Konzept. „Ganz die alte.“, würde ich sagen. Obwohl die die neue 650er wirklich harmonischer wirkt. Ob semisportliche Hatz oder touritisches Cruisen, die Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten scheint endlos.

Auch leichtere Offroadeinlagen nimmt sie mit. Der neuartig gestaltete Tank ermöglicht es mir, die Maschine einfacher zwischen die Stiefel zu klemmen. Leider hat sie keine Stollen drauf. Sonst hätte ich sie sehr gerne über den einen oder anderen schlammigen Pfad getrieben. Gröbere Schotterwege waren jedoch ebenso kein Problem. Vorteilhaft für diese Einsätze, dass das ABS abschaltbar ist.

Die Bremse ist nicht die effektivste. Satte Gefahrenbremsungen sind jedoch – auch dank ABS – ohne Probleme ebenso von Ungeübten zu meistern. Allerdings regelt das ABS vorne relativ früh und verschenkt dadurch meiner Meinung nach etwas viel Bremsweg. Mit meiner Ur-F650 Baujahr 1999 kam ich mit kürzerem Bremsweg zum Stehen. Dennoch hab ich bei meinen Fahrten, auch mit Sozia, kein unsicheres Gefühl.

Das Platzangebot ist üppig. Fahrer wie Sozia sitzen entspannt und können so auch Tagesetappen von 500 – 600 km genießen. Voraussetzung in den Bergen: Man darf nicht schaltfaul sein. Trotz 60 NM möchte der Single getrieben werden. Er atmet frei bis zum Drehzahlbegrenzer. Und er tut das ohne viel auditivem Aufhebens.

Überrascht bin ich an der Tankstelle. Nahm sich die Vorgängerin nach engagierter Fahrt 3,5 Liter zur Brust, möchte die aktuelle BMW G 650 GS schon mit durchschnittlich 1 – 1,5 Litern mehr bedient werden.

Fazit:
Da ist sie wieder und steht gut im Futter, macht Spaß und kann sehr viel. Sie ist leicht, relativ stark und vernünftig ohne Langeweile aufkommen zu lassen. Sie wird wie ihre Vorgängerinnen weltweit anzutreffen sein. Schließlich handelt es sich um überschaubare und vor allem verlässliche Technik, mit der man es sich trauen kann, eine Weltreise genauso zu unternehmen wie einen Nachmittagsausflug über Schotterwege.