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Fahrbericht Benelli TNT 1130
Text: Ralf Kistner
Fotos: Ralf Kistner, Gitte Schöllhorn

Die Leidenschaft hat mich wieder gepackt. Für heute steht die Benelli TNT 1130 zum Testen an. Ein Zeitpunkt, auf den ich seit Anfang dieses Jahres hinfieberte, da die Veröffentlichung alleine der technischen Eckdaten bei der Erstvorstellung hochexplosiven Spaß versprachen. Dazu das einzigartige Design, das sich auf den ersten Blick aus der doch relativ homogenen Masse der Motorräder abhebt.
Da sind das auffällige Heck, das sich aus der Sitzbank, dem zweigeteilten Rücklicht und einem mittlerweile leicht modifizierten Endschalldämpfer präsentiert. Dieser bekam ein verlängertes Endrohr, da in der von mir gefahrenen Urversion die Abgase nach vorne gedrückt wurden, so dass ein Rucksack, der Jackenrücken etc. schon nach kurzer Strecke stark nach Abgas rochen. Diese Unart soll nun behoben sein.
Weiter zeigt die TNT Technik und Design wie kaum ein anderes Motorrad. Die Gitterrohrschwinge mit dem massiven Excenterkettenspanner versprechen so wie der Rahmen Stabilität. Geschmackssache sind die seitlich aufgesetzten Kühler, die nicht so recht zum Rest der TNT passen wollen. Die Lampenfront erinnert an eine grinsende Hornisse kurz vor dem Zustechen.

Es kommen Erinnerungen an den leidenschaftlichen Ausritt mit der Tornado 900 auf, der in meiner Erinnerung bleibende Spuren hinterließ. Auch wenn sie nicht den Biss aktueller Supersportler mitbringt, ist sie in der Lage gewesen, mich vollends zu faszinieren. Wie sieht es nun mit der TNT aus? Kann sie meinen Erwartungen standhalten?

Ich stehe im Hof der Fa. InTeam in Bechhofen und übernehme die TNT von Reinhard Bergmann, der mir mit eigentümlich glänzenden Augen erzählt, dass er derzeit nur noch mit dieser Maschine unterwegs sei. Da bliebe sogar seine heißgeliebte MG Scandalo stehen. Ich bin gespannt, nehme auf dem knappen Sitzpolster Platz und freue mich schon im Stand über die gelungene und mir sehr entgegenkommende halb aufrechte Sitzposition, die einen klasse Knieschluss ermöglicht und das Gefühl vermittelt, die Maschine ohne Eingewöhnungszeit zu seinem eigen zu machen.

Der Motor läuft nach dem Starten gleich rund. Leichte Gasstöße zeigen wieder das Fauchen aus der Airbox wie bei der Tornado - nur nicht mehr so gewaltig. Das Instrumentarium informiert mich über die wichtigsten Werte. Der Drehzahlmesser weist mir in klassisch analoger Weise den Weg zur Drehmomentspitze, die mit echten 115 Nm bei 6500 Umin erreicht ist. Auch das verspricht gute Laune.

Ich lasse die TNT im Trab auf der Landstraße warmlaufen. Sie drückt bereits bei dieser Gangart derart Leistung ab, dass ich nun schon am frühen Morgen dieses Grinsen bekomme und befürchte, dass ich nach dem Wochenende einen Arzt aufsuchen muss, um mir die Gesichts-
muskeln wieder entkrampfen zu lassen. Da ist echtes Feuer drin. Vor allem schon ab Standgasdrehzahl, in der bereits ein druckvolles Anfahren ohne Abwürgen möglich ist. Das ist selten. Dank der kurzen Übersetzung kann die TNT nun als echter Landstraßenwetzer ange-
sehen werden. Bedenkt man, dass im Bereich von 3000 Umin bis über 9000 Umin stets mehr als 100 Nm zur Verfügung stehen, im Bereich von 6000 - 8000 Umin sogar z.T. weit über 110 Nm, lassen diese Daten vermuten, dass die TNT ihrem Namen alle Ehre machen kann.

Schönes warmes Wetter, trockener Fahrbahnbelag mit griffigen Dunlop 207 RR sind ideale Voraussetzungen, um einem Spaßhobel wie der TNT 1130 auf den Zahn zu fühlen. Ich lasse sie fliegen und probiere die Gänge bis zum Begrenzer aus. Ich weiß nicht, wie oft ich dieses überrascht-faszinierte "Booaaahhhh….!" an mein Helmvisier brüllte, wenn ich Gas gab und den vehementen Schub am Hinterrad zu spüren bekam. Schnell heranfliegende Kurven blieben schreckenlos aufgrund des sagenhaft einfachen Handlings in Verbindung mit einer herausragenden Fahrwerksstabilität. Schließlich bin ich nicht auf neu geteerten Bundesstraßen unterwegs. Es sind die kleinen geflickten fränkischen Landsträßchen, die über Gunzenhausen und den fränkischen Hahnenkamm ins Pappenheimer Altmühltal führen, auf denen ich mich jetzt bewege. Ein ideales Terrain für diese Spaßbombe.

Und es ist wieder der immer noch betörende Airboxsound, der mich beim Angasen italienische Stimmen hören lässt, die wohl so was wie "… mehr mehr, gib's mir, lass uns fliegen" bedeuten müssen. Zumindest kann ich sie nicht anders interpretieren. Es ist die pure Unvernunft, die ich auf der TNT erlebe. Es ist wie ein prickelnder One-Night-Stand, der alle Sinne berührt und Emotionen brennen lässt. Ich kann nicht mehr von ihr lassen, fühle mich ihr ergeben und erfahre Adrenalinschübe am laufenden Band.
Wie soll ich es schaffen, mit diesem Zündstoff "normal" zu fahren?

Zurück zu den Fakten, auch wenn es schwer fällt. Der Motor entstammt in seiner Basis der Tornado. Die satte Mehrleistung konnte man ihm dadurch entlocken, dass der Hub um 12,8 mm geändert und der Hubraum auf 1131 ccm aufgestockt wurde. Geänderte Pleuel, Brennräume, Nockenprofile und Steuerelektronik tragen ihren Teil mit dazu bei, dass aus dem Kanonenschlag der Tornado die Dynamitstange der TNT entstand. Das Ergebnis sind Durchzugswerte, die manche Supersportler im direkten Vergleich blass aussehen lassen. Und das ohne windschlüpfriger Verkleidung.

Die Fahrstabilität rührt aus einem Brücken-Verbundrahmen wie in der Tornado, einer 50mm- USD-Gabel und einer auch optisch ansprechenden Gitterrohrschwinge. Da gibt es nichts, was die TNT auch nur im Geringsten aus der Ruhe bringen kann. Sie zieht stoisch und mit gespenstisch anmutender Leichtigkeit ihre Bahnen, wo andere Bikes bereits leichte Fahrwerksunruhen zeigen. Die Werkseinstellung ist wunderbar gelungen. So setzt man bei Benelli auf eine passende Grundeinstellung und lässt dem Fahrer kaum Möglichkeiten, diese zu ver-
stellen - außer der Federvorspannung und der Zugstufe am Federbein im Heck.

Die Grundeinstellung ist absolut gelungen. Ich muss für mein Übergewicht die Zugstufe etwas mehr zuschrauben. Drei Klicks mehr und schon passt es. Die Grundeinstellung ist sportlich straff und gibt präzise Rückmeldung über den Straßenbelag. Die Gabel zeigt sich schluckfreudig ohne schlaff zu wirken. In Verbindung mit dem knappen Sitzpolster bin ich jedoch nach ca. 90 Minuten dazu geneigt, einen kurzen Popo-Entspannungs-Halt einzuschieben. Kurz gesagt tut mir der Hintern nach dieser Zeit schon das erste Mal weh. Und ich muss Flüssigkeit nachführen, da mich die Fahrweise mit der TNT in Schwitzen bringt. Es liegt nicht am Handling. Im Gegenteil. Das leichte Handling, die ultimative Fahrstabilität und der granatenmäßig explodierende Motor kommen meinen - sagen wir mal - etwas sportlicheren Ambitionen zu 100% nach. Und jeder, der 90 Minuten richtig angast, weiß, dass dies den einen oder anderen Schweißtropfen kosten kann.
Das ganze gepaart mit massiver Ausschüttung von Glückshormonen sitze ich begeisterungs-schwanger im Gras und lasse meinen Blick über die TNT streifen. Es ist wie bei der Tornado, wo im Design überall am Motorrad Eyecatcher integriert sind.

Die massiv wirkenden vorderen Bremsen verleiten mich dazu, die Stoppietauglichkeit der TNT aus-zuprobieren. Schließlich können die 4-Kolben-Zangen derart kräftig in die 320er Scheiben beißen, dass die Benutzung von mehr als zwei Fingern am Bremshebel Vorderradblockierungen oder massive Heckerhöhungen zur Folge haben können. Mit exaktem Druckpunkt lässt sich die Bremse feinst dosieren und passt mit ihrer Wirksamkeit nahtlos ins hochexplosive Gemisch TNT 1130. Die-ses Gesamtkonzept versprüht sehr schnell Sicherheit und schafft Vertrauen.

Auf meinen Teststrecken versuche ich, die TNT irgendwo zum Aufsetzen zu bringen, was mir nicht gelingt. Zwar bin ich in richtig satten Schräglagen unterwegs, doch ist die Schräglagenfreiheit der TNT derart hoch, dass ich mich in mörderische Landstraßengeschwindigkeiten hervorwagen müss-te. Nicht nötig, denn das, was ich mit der TNT erlebe, reicht für meine Ambitionen vollkommen aus.

Bleibt noch die Frage nach dem Benzinverbrauch, da die Tornado sich im Test als saufende Diva präsentierte. Es ist an der Tankstelle spürbar, dass man an der TNT in dieser Hinsicht gearbeitet hat. Sie verbraucht bei meiner Fahrweise ca. 7,5 - 9,5 Liter pro 100 km mit Tendenz zu einem Durchschnitt von ca. 8,5 Litern. Die 7,5 Liter kamen zustande, als ich versuchte, wirklich mal or-dentlich zu fahren. Die 9,5 beim ersten Tanken nach dem ersten Austoben. Im Schnitt schluckt die TNT also gut 1-1,5 Liter weniger als die Tornado bei erheblich satterer Leistungsabgabe, aber auch wesentlich strafferem Fahrwerk.

Und die Sozia?
Die muss leiden. Das noch knappere Soziapolster könnte früher im Mittelalter als Folterinstrument benutzt worden sein. Die unnötig hohen Fußrasten machen selbst die Fahrt zur Eisdiele zur Qual. Man sollte somit sich der wohlwollenden Gunst der Sozia schon vor der gemeinsamen Fahrt sicher sein. Danach wird es daraus wahrscheinlich nichts mehr ;-) Zudem wird sie beklagen, dass ihre Kleidung nach Abgasen riecht.

Störend im Gesamtbild sind das Auftreten kleinerer Mängel in der Elektrik und die etwas lieblos verlegten Kabel.

Fazit:
TNT ist hochexplosiv. Die Benelli macht diesem Namen alle Ehre. Sie ist ein Exot und erfordert einen wachen Verstand, denn superbikeähnliche Beschleunigungswerte in Verbindung mit dem fauchenden Drei-Zylinder-Fauchen schalten schnell alle Vernunftsschalter auf "off".

Den Erbauern ist mit der Benelli TNT 1130 ein perfekter Kurvenwetzer gelungen, der typisch italienisch alle Sinne berühren kann. Gib's dir und nimm' sie so heftig wie du nur kannst. Du wirst es nie wieder vergessen.

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